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Wie antiquierte Wirtschaftsmythen für eine katastrophale US-Politik sorgen

James K. Galbraith gilt als einer der einflussreichsten heterodoxen Ökonomen der USA. Im ausführlichen Gespräch erklärt er, wie die neoklassische Wirtschaftsorthodoxie das politische Denken in den USA in allen Bereichen verzerrt – von Inflation über die Handelspolitik bis hin zur Geburtenkrise.
James K. Galbraith
Joe Biden und Donald Trump geben sich die Hand während eines Treffens im Weißen Haus, 13. November 2024. IMAGO / ZUMA Press Wire

Nach jahrzehntelanger Dominanz des neoliberalen Konsens haben US-Präsidenten – insbesondere Joe Biden und Donald Trump – begonnen, mit dem neoklassischen Wirtschaftsparadigma zu brechen. Wenn sie Zölle verhängen und die heimischen Produktionskapazitäten wieder aufbauen (wollen), stellt dies eine Abkehr von der bisherigen politischen Orthodoxie dar. Motiviert ist das Ganze durch den Aufstieg Chinas zur ökonomischen und geopolitischen Großmacht sowie – im Falle Biden – als Reaktion auf die Klimakatastrophe.

James K. Galbraith ist Inhaber des Lloyd J. Bentsen Chair of Government/Business Relations an der Lyndon B. Johnson School of Public Affairs sowie Professor für Staatswissenschaften an der University of Texas in Austin. Zuvor war er im Bankenausschuss des Repräsentantenhauses tätig und fungierte Anfang der 1980er Jahre als Geschäftsführer des Wirtschaftsausschusses des US-Kongresses. Er ist eine einflussreiche heterodoxe Stimme in der Wirtschaftswissenschaft und Autor mehrerer Bücher, darunter Der geplünderte Staat oder was gegen den freien Markt spricht (2008) und Wachstum neu denken. Was die Wirtschaft aus den Krisen lernen muss (2016).

In seinem neuesten Werk, The Power to Destroy: How Bad Economics Drove America’s Decline, argumentiert Galbraith, dass der von Mainstream-Ökonomen vertretene vorherrschende Denkansatz in den vergangenen Jahrzehnten verheerende Auswirkungen auf die US-Wirtschaftspolitik hatte. Im Interview mit Jacobin spricht Galbraith über seine Thesen aus The Power to Destroy und die Probleme, die er bei Biden und Trump sieht. Beide haben es demnach nicht vermocht, über die politisch-ökonomische Orthodoxie hinauszugehen. Das könne zukünftige Auswirkungen auf die finanzielle und militärische Vorherrschaft der USA haben.

In The Power to Destroy geht es zum großen Teil darum, wie das weithin akzeptierte neoklassische Modell – welches Sie als »Equilibrium-Ökonomie« bezeichnen – empirisch widerlegt worden ist und der US-amerikanischen Wirtschaftspolitik offenbar schadet. Können Sie für uns Ihre Analyse der Equilibrium-Ökonomie kurz zusammenfassen?

Gern. Allerdings möchte ich zunächst ganz allgemein über die Denkweise sprechen, mit der man als ausgebildeter Wirtschaftswissenschaftler erzogen wird. Sie ist das Ergebnis des Versuchs, ein System aufzubauen, das zwei nicht perfekt aufeinander abgestimmte Dimensionen hatte: die sogenannte Mikro- und die Makroebene.

Die Mikroebene, die während der Amtszeit von Ronald Reagan vorherrschend wurde, räumt im Wesentlichen allem Vorrang ein, was zufällig vom Markt organisiert wird. Demnach besteht die Rolle der Regierung lediglich darin, einzugreifen, wenn es Probleme mit dem Markt gibt. Tatsächlich existieren Märkte in der realen Welt nur, weil Regierungen einen regulatorischen Rahmen schaffen, innerhalb dessen sie funktionieren können.

»Die einzige Möglichkeit, mit der die Federal Reserve die Preise tatsächlich senken kann, besteht darin, der Wirtschaft eine lange und schmerzhafte Kontraktion aufzuzwingen – wodurch viele Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren und zahlreiche Unternehmen in den Konkurs getrieben werden.«

Der andere Teil, die Makroökonomie, geht von derselben grundlegenden Idee aus: Dass die Wirtschaft als Ganzes zu einem stabilen Wachstumszustand tendiert. Wenn sie mal einbricht, wird sie irgendwann später wieder wachsen. In diesen Rahmen sind Vorstellungen wie der sogenannte Trade-off, die Wechselbeziehung, zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit eingebaut sowie eine ganze Reihe von Konzepten, die in der Ausbildung der Ökonomen meiner Generation vorherrschend waren. Diese Ideen haben nach wie vor großen Einfluss auf wichtige Institutionen.

Zu diesen Institutionen gehören die Federal Reserve, die der Ansicht ist, sie könne die Inflationsrate und das Preisniveau kontrollieren; oder das Congressional Budget Office, das der Ansicht ist, der Bundeshaushalt müsse ausgeglichen sein. Das sind Annahmen – man könnte auch sagen Vorurteile –, die durch das Hintergrundrauschen eines ganzen Jahrhunderts an Ökonomen, die die politische Diskussion für alle anderen geprägt haben, in die Debatte einfließen.

Es geht hier um ein vereinfachtes, aber auch höchst unrealistisches Bild davon, wie Gesellschaften tatsächlich funktionieren. Auf Grundlage einer alternativen Konzeption könnte ein weitaus erfolgreicheres politisches System aufgebaut werden. In diesem Buch versuche ich daher, zahlreiche Fallbeispiele zu präsentieren, anhand derer man erkennen kann, wo der Einfluss des gängigen ökonomischen Denkens vorherrschend war – und was die Konsequenzen daraus waren und sind.

Eine dieser Fallstudien ist die Inflation, die 2021 und 2022 die Schlagzeilen beherrschte. Sie argumentieren, die Strategie der Fed, mit Zinserhöhungen die Inflation einzudämmen, sei nicht nur gescheitert, sondern in anderer Hinsicht wohl sogar schädlich gewesen.

Es hat sich eine gewisse Reflexhaltung in der Berichterstattung über die Federal Reserve etabliert, wenn diese die Zinsen anhebt. Die Medien berichten fast schon selbstverständlich, die Federal Reserve habe die Zinsen »zur Eindämmung der Inflation« angehoben.

Tatsächlich hat der Hebel, über den die Federal Reserve verfügt – nämlich der kurzfristige Zinssatz –, keinerlei Zusammenhang mit der Inflationsrate oder dem Preisniveau. Die einzige Möglichkeit, mit der die Federal Reserve die Preise tatsächlich senken kann, besteht darin, der Wirtschaft eine lange und schmerzhafte Kontraktion aufzuzwingen – wodurch viele Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren und zahlreiche Unternehmen in den Konkurs getrieben werden. Das ist in der Vergangenheit bereits mehrfach geschehen, seit Anfang der 1980er Jahre.

»Man kann nicht behaupten, der Rückgang der Inflation sei der Fed zu verdanken gewesen. Er hatte nichts mit der Fed zu tun, da der einzige wirksame Kanal nicht vorhanden war.«

Betrachtet man jedoch die Finanzstruktur der heutigen US-amerikanischen Wirtschaft, so ist diese grundlegend anders. Die Gewerkschaften sind heute viel kleiner und schwächer. Der verarbeitende Sektor ist kleiner; die Beschäftigung konzentriert sich weitgehend auf die Dienstleistungsbranchen. Die Staatsverschuldung ist gemessen am BIP viel höher. Und als der Zinssatz stieg – wie es unter Jerome Powell ab Anfang 2022 der Fall war –, trat tatsächlich keine der drastischen Kontraktionen ein, die Paul Volcker 1979/1980 mit der Erschütterung der Wirtschaft erreicht hatte.

Man kann also nicht behaupten, der Rückgang der Inflation sei der Fed zu verdanken gewesen. Er hatte nichts mit der Fed zu tun, da der einzige wirksame Kanal nicht vorhanden war. Was tatsächlich geschah, war Folgendes: Im Zuge der Pandemie stiegen zunächst die Ölpreise. Zweitens kam es zu Blockaden und Störungen in den Lieferketten. Daher wurden beispielsweise Neuwagen knapp, und die Preise für Gebrauchtwagen stiegen. Hinzu kamen einige komplizierte Entwicklungen auf dem Wohnungsmarkt. Diese Preisanstiege hatten aber nichts mit einem allgemeinen Anstieg der Nachfrage zu tun.

Dann kam es, insbesondere zu Beginn der Biden-Regierung, zu einem sehr erheblichen Anstieg der Bundesausgaben. Viele Menschen – darunter Lawrence Summers – machten daraus eine große Sache und behaupteten, dies würde die Inflation anheizen. Er stützte sich dabei auf einen Denkansatz, der vor fünfzig oder sechzig Jahren fest etabliert war, als wir noch viel jünger waren und unsere Karrieren als Ökonomen begannen.

Man kann sich aber ansehen, was tatsächlich geschah, als amerikanische Haushalte finanzielle Unterstützung im Zusammenhang mit Corona erhielten – einige unter Donald Trump und andere unter Joe Biden: Die meisten Menschen sagten sich ganz vernünftig und logisch: »Ich bin derzeit arbeitslos. [Die staatlichen Unterstützungsgelder] sind ein wichtiges, finanzielles Polster. Ich werde sie sparen und nach und nach darauf zurückgreifen. Das verschafft mir einen gewissen finanziellen Spiel- oder Freiraum. Ich muss nicht so schnell wie möglich wieder arbeiten gehen; ich bin nicht verzweifelt darauf aus, meinen früheren, miserablen Job wieder schnellstmöglich zurückzubekommen.«

Die Menschen sind nicht in einen Kaufrausch verfallen, der – in der Vorstellung der Ökonomen – die Inflationsrate in die Höhe getrieben hätte. Das ist schlichtweg nicht passiert. Die US-amerikanischen Haushalte verhielten sich wie relativ umsichtige, risikoscheue Akteure. Sie sparten einen Großteil [der Hilfsgelder] an. Und dann haben sie ihre Ersparnisse nach Bedarf abgehoben und ausgegeben. Es gab hier also keinen Mechanismus, der die Preise umgehend in die Höhe getrieben hätte.

»Wenn das System von einem wirklich schwerwiegenden, unvorhersehbaren Ereignis getroffen wird, werden viele der Gewohnheiten, die normalerweise das Verhalten von Unternehmen einschränken, außer Kraft gesetzt.«

Was die Preise in bestimmten Märkten, wie beispielsweise dem Immobilienmarkt, tatsächlich in die Höhe trieb, war das Verhalten von Menschen, deren Einkommen durch die Pandemie nicht beeinträchtigt wurde. Mit anderen Worten: Menschen wie ich, die ein festes Gehalt bezogen und nicht in großem Umfang von den COVID-Hilfsmaßnahmen profitierten. Was mit dieser Gruppe – den obersten 20 oder 25 Prozent der Einkommensverteilung – geschah, war, dass wir keinen Zugang mehr zu all den Dingen hatten, für die wir zuvor Geld ausgegeben hatten. Restaurants, Reisen, die gesamte Dienstleistungswirtschaft kam bekanntlich zum Erliegen.

Also sammelten auch wir Geld an. Was taten wir? Wir renovierten Küchen. Wir bauten Häuser. Wir kauften Immobilien. Wir trieben die Preise für Sachanlagen in die Höhe. Doch den Preis eines Hauses in die Höhe zu treiben, ist kein inflationsfördernder Vorgang. Er erhöht lediglich das Nettovermögen einer Person, die ein Haus besitzt.

Was ich in dem Kapitel über Inflation fordere, ist, dass die Menschen sich intensiv mit den Details auseinandersetzen und herausfinden, was wirklich geschieht – um dann Maßnahmen zu konzipieren, die den tatsächlichen Gegebenheiten entsprechen. Eine Person, die das getan hat (und zwar auf brillante Weise!), war Isabella Weber, Ökonomin an der University of Massachusetts Amherst. Sie wies auf etwas Wichtiges hin: Wenn das System von einem wirklich schwerwiegenden, unvorhersehbaren Ereignis getroffen wird, werden viele der Gewohnheiten, die normalerweise das Verhalten von Unternehmen einschränken, außer Kraft gesetzt. Diese versuchen verzweifelt, die Preise so weit wie möglich anzuheben, um sicherzustellen, dass sie ihre Kosten decken können. Das ist ein wettbewerbsbedingtes Phänomen, das sich am Anstieg der Gewinnmargen beobachten lässt.

Und das ist auch eingetreten. Die richtige Reaktion darauf besteht darin, das Verhalten zu regulieren. Es geht nicht darum, den Unternehmen einen massiven Umsatzeinbruch zuzufügen. Vielmehr sollte ihr Verhalten so reguliert werden, sodass sie weiterhin einen angemessenen Gewinn erzielen können und so wieder zu einem Gefühl angemessener Stabilität in dieser strukturierten Beziehung zwischen ihren Preisen und ihren Kosten zurückfinden.

Sie analysieren außerdem die finanzpolitischen Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung im weiteren Sinne sowie Bidens Infrastrukturgesetze, den CHIPS Act und den Inflation Reduction Act. Demnach habe sich die US-amerikanische Wirtschaft sehr verändert – von einer Industrie- zu einer Dienstleistungswirtschaft –, selbst wenn gewisse politische Entscheidungsträger versuchen mögen, die US-Industrie wieder aufleben zu lassen. Darüber hinaus sind die staatlichen Kapazitäten geschwächt. Letztendlich bedeutet das, dass die Bemühungen erfolglos bleiben; den politischen Entscheidungsträgern stünden einfach nicht genügend Mittel zur Verfügung.

Nochmal zum Thema Corona: Wie viele andere Menschen im Lockdown war auch ich praktisch eingeschlossen, in meinen Zimmern im dritten Stock meines Hauses in Austin. Ich war online sehr aktiv, veröffentlichte zahlreiche Beiträge und versuchte, die Anti-Corona-Maßnahmen in eine Richtung zu lenken, die ich für notwendig hielt, um die Lieferkettenprobleme zu bewältigen.

Das war jedoch nicht die Richtung, die die Politik letztendlich einschlug. Im Wesentlichen wurde der Ansatz verfolgt, das System mit Geld zu fluten. Ich machte mir Gedanken darüber, was in der Wirtschaft grundlegend vor sich ging.

Zunächst musste ich feststellen, dass die tatsächliche Fähigkeit der Regierung, konkrete Maßnahmen zur Lösung spezifischer technischer Probleme – wie etwa Lieferkettenstörungen – zu ergreifen, sehr begrenzt war. Egal, wie man beispielsweise zu Masken stand: In der Realität sah es so aus, dass zwar gewisse Kapazitäten vorhanden waren, die privaten Unternehmen, die diese Produkte herstellten, jedoch nicht sonderlich erpicht darauf waren, ihre Kapazitäten zu erhöhen. Denn sie gingen – durchaus verständlich – davon aus, dass diese Masken mit Ende der Krise eine verlorene Investition darstellen würden. Da drohten wirtschaftliche Verluste.

»Viele Menschen kehrten nicht in den Arbeitsmarkt zurück und nahmen die Arbeitssuche nicht wieder auf. Das sagt viel darüber aus, wie sie ihre vorherigen Arbeitsplätze empfanden.«

Die Reaktion in China war gänzlich anders. Rund tausend Unternehmen stellten dort ihre Produktion – was auch immer sie zuvor hergestellt hatten, meist jede erdenkliche Art von Papierprodukten – auf die Herstellung von OP-Masken um. Und sie exportierten diese sehr schnell in die ganze Welt. Das zeigt ganz offensichtlich, dass sich die Struktur der Produktionswirtschaft in China stark von der hierzulande unterscheidet: Sie ist wesentlich flexibler und reaktionsfähiger. Und: Wenn die Chinesen es so handhaben, braucht man eigentlich niemanden sonst, der solche Aufgaben übernimmt. Man muss sie lediglich dazu bringen, die Masken zu exportieren – was sie ja auch taten.

Der andere Aspekt war: Welche Folgen hatte die Flutung des US-amerikanischen Systems mit Geld? Geld zu verteilen ist etwas, worin die amerikanische Regierung sehr gut ist. Abgesehen von einigen anfänglichen Pannen im Arbeitslosengeldsystem und dergleichen gelangte auf diese Weise viel Geld in die Hände der Menschen.

Die meisten dieser Menschen waren in Dienstleistungsberufen tätig, die zwangsweise ausgesetzt werden mussten, sodass sie ihr reguläres Gehalt nicht erhielten. In einigen Fällen bekamen sie durch die COVID-Unterstützungsmaßnahmen mehr Geld, als sie zuvor verdient hatten. Es stellte sich heraus, dass das keine Katastrophe ist, solange die Menschen ihren finanziellen Verpflichtungen nachkommen können: Miete, Nebenkosten, Lebensmittel. Nebenbei sparten sie Geld beim Benzin, weil sie ja weniger fahren mussten. Die Schul-Thematik war natürlich ein großes Problem. Doch im Großen und Ganzen waren viele Menschen, als sich die Lage wieder zu normalisieren begann, gar nicht so sehr darauf aus, zu den Jobs zurückzukehren, die sie zuvor ausgeübt hatten. Ihr Leben passte sich auf vielfältige Weise an.

Viele Menschen kehrten nicht in den Arbeitsmarkt zurück und nahmen die Arbeitssuche nicht wieder auf. Das sagt viel darüber aus, wie sie ihre vorherigen Arbeitsplätze empfanden. Bei der Federal Reserve unter der Biden-Regierung – Powell hat sich dazu ganz deutlich geäußert – gab es das Bestreben, die finanzielle Unterstützung für amerikanische Haushalte zu kürzen, wodurch deren Ersparnisse aufgebraucht wurden, sowie die Zinssätze anzuheben, was die Sanierung von Immobilien erheblich erschwerte und die Menschen zurück auf den Arbeitsmarkt drängte.

Das kam bei den Leuten nicht gut an. In den letzten Jahren der Amtszeit Bidens ergab sich diese seltsame Situation, in der die Inflationsrate sank und die Arbeitslosenquote nicht anstieg. Menschen, die in dem makroökonomischen Lehrumfeld aufgewachsen sind, das zu meiner Studienzeit dominant war, sagten: »Die Arbeitslosigkeit ist gesunken; die Inflation ist gesunken. Also müssten alle glücklich sein. Aber warum sind sie nicht glücklich?« Paul Krugman war der Ansicht, die Menschen seien einfach dumm; sie würden nicht verstehen, wie gut es ihnen doch geht.

Die These von der sogenannten »Vibecession«…

Man glaubte, da wäre etwas sehr Mysteriöses im Gange. Doch so mysteriös ist es gar nicht, wenn man sich vor Augen führt, wie sehr sich das Verhältnis der amerikanischen Arbeiterinnen und Arbeiter zur Arbeit in den vergangenen 50 Jahren gewandelt hat. In den 1970er- und 1980er-Jahren stieg die Arbeitslosenquote an, was in der Erwerbsbevölkerung eine Welle der Angst auslöste: 90 Prozent der Erwerbsbevölkerung sind zwar nach wie vor beschäftigt, doch niemand weiß, wann er von einer Entlassung betroffen sein könnte. Und wenn man der einzige Breadwinner in der Familie ist, ist eine Entlassung ein schwerer Schlag.

»Ökonomen, die in der alten Denkweise verhaftet waren, haben es nicht geschafft, sich an die sich wandelnde Struktur der amerikanischen Wirtschaft anzupassen.«

Steigt also die Arbeitslosenquote, breitet sich im ganzen Land Unruhe aus. Sinkt sie wieder, lässt die Unruhe schon lange vor Erreichen einer Arbeitslosenquote von drei oder vier Prozent nach. Die Menschen fühlen sich nicht mehr in Gefahr.

Nur: So funktioniert das heute nicht mehr. Heute sinkt die Arbeitslosenquote, weil die Menschen beschlossen haben: »Zum Teufel damit – ich werde nicht der dritte Verdiener in meinem Haushalt. Mein Job hat uns ohnehin nicht so viel zusätzliches Geld eingebracht, weil ich Kinderbetreuungskosten und Pendelkosten hatte. Dazu der Stress mit der Zeitplanung et cetera. Wenn ich 62 bin, kann ich Sozial- und Rentenversicherung in Anspruch nehmen. Oder ich kann die Situation einfach aussitzen und etwas anderes tun.«

Ich glaube, genau das ist geschehen. Ökonomen, die in der alten Denkweise verhaftet waren, haben es nicht geschafft, sich an die sich wandelnde Struktur der amerikanischen Wirtschaft anzupassen.

Was die anderen [politischen Maßnahmen Joe Bidens] betrifft, ist es eine eher traurige Geschichte. Nochmals ein Blick 40 oder 50 Jahre zurück, in die späten 70er- und frühen 80er-Jahre: Das war die Zeit, in der die Deindustrialisierung der Vereinigten Staaten richtig in Gang kam und die Gewerkschaften sehr hart getroffen wurden. Die Arbeitslosenquote stieg im Oktober 1982 auf zehn Prozent. Eine der Ideen, die damals aufkam, war, dass wir eine Politik verfolgen sollten, die speziell darauf ausgerichtet ist, die amerikanische Industrie zu unterstützen. Ich war zu dieser Zeit Geschäftsführer des Gemeinsamen Wirtschaftsausschusses des Kongresses; wir waren an dieser Diskussion beteiligt, ebenso wie Personen wie Laura Tyson und andere, die einschlägige Erfahrungen in anderen Ländern analysiert hatten.

Doch es geschah nichts. Die Idee schwebte in der Luft und fand bis 2020 im Grunde keinen Anklang. Einige dieser Personen sind noch immer aktiv und einflussreich, und sie brachten diese Ideen in Bidens Kreisen immer wieder zur Sprache. Sie kamen also mit diesen Vorschlägen, doch in den vergangenen 40 Jahren ist die Fähigkeit, sie umzusetzen, weitgehend verschwunden.

Es gab ein Infrastrukturgesetz, das viele lokale Projekte umfasste, beispielsweise den Ausbau von Pendlerstraßen in den Vororten. Immobilienentwickler fanden das sehr gut. Und dann gab es noch den CHIPS Act, bei dem es um Subventionen ging, um die Halbleiterproduktion zurück in die USA zu holen. Man muss sich aber fragen: »Wer genau soll das tun, mit welchem technischen Know-How? « Also holt man die Taiwan Semiconductor Manufacturing Corporation mit ins Boot, die – wie der Name schon sagt – ihren Sitz in Taiwan hat. Und dieses Unternehmen hat auch Schwierigkeiten, weil es dort in Taiwan das gesamte Ökosystem der Halbleiterproduktion aufgebaut hat. Es ist nicht so einfach, das von jetzt auf gleich in Arizona umzusetzen.

»Diese Ideen, über die wir sprechen, entstanden in einer früheren historischen Epoche, als es mehr oder weniger Sinn ergab, das Welthandelssystem als ein System gegenseitiger Tauschgeschäfte zu betrachten.«

Die andere große politische Maßnahme Bidens war der Inflation Reduction Act, bei dem es im Grunde um erneuerbare Energien ging. Wir haben die Auswirkungen der Subventionierung erneuerbarer Energien gesehen: Es gab endlich mehr davon, aber wer glaubte, fossile Brennstoffe könnten damit ersetzt werden, muss feststellen, dass dies bis heute nicht geschieht. Was man nun bekommt, ist zusätzlicher Strom für Rechenzentren. Das ist ein altbekanntes Problem, ein Sachverhalt, der bereits im 19. Jahrhundert von William Stanley Jevons klar dargelegt wurde: Jede neue Energiequelle geht mit neuen Verwendungszwecken einher. Ich verweise gerne darauf, dass es wohl nur einen einzigen Energieträger gibt, den wir jemals ausgetauscht und auf den wir dann verzichtet haben: Walöl.

Im Hinblick auf erneuerbare Energien weisen Sie zudem darauf hin, dass es möglicherweise noch einige Zeit lang keinen messbaren Rückgang der Kohlendioxidwerte geben wird. Und Unternehmen sehen möglicherweise keinen Vorteil darin, in diese Märkte einzusteigen, insbesondere wenn ihre Steuergutschriften nach der nächsten Wahl von der nächsten Regierung möglicherweise abgeschafft werden.

Die Folgen einer etwaigen Eindämmung des Anstiegs der CO2-Konzentrationen liegen zwangsläufig weit in der Zukunft. Denn was bereits in der Atmosphäre vorhanden ist, wird nicht umgehend verschwinden, selbst wenn man keine weiteren Emissionen mehr verursacht. Ein Rückgang wäre erst nach einem halben Jahrhundert zu beobachten, was ganz sicher über den wirtschaftlichen Planungshorizont eines Privatunternehmens und auch weit über die Lebensspanne der meisten Menschen hinausgeht. Das ist ein ganz grundsätzliches Problem.

Ein weiteres innenpolitisches Thema, das Sie ansprechen, ist die in der breiten Öffentlichkeit vorherrschende Forderung, dass der Bundeshaushalt wie ein Familien- oder Kommunalhaushalt geführt werden müsse, sprich: Die Ausgaben dürfen die Einnahmen nicht übersteigen. Sie bezeichnen das als unsinnig – denn der Regierungshaushalt von Nationalstaaten funktioniert komplett anders.

Man kann ganz klar sagen, dass beispielsweise die Regierung der Vereinigten Staaten seit einem halben Jahrhundert oder länger nicht mehr so gehandelt hat. Es ist völlig unrealistisch und unsinnig, diesen Ansatz zur Grundlage einer nationalen Haushaltsstrategie zu machen.

Der Grund dafür ist ganz einfach, und auch hier gilt: Diese Ideen, über die wir sprechen, entstanden in einer früheren historischen Epoche, als es mehr oder weniger Sinn ergab, das Welthandelssystem als ein System gegenseitiger Tauschgeschäfte zu betrachten. Das lag daran, dass es eine dritte Grundlage für den Zahlungsverkehr gab, nämlich [Dinge wie] Gold – ein Vermögenswert, der nicht unter der Kontrolle einer bestimmten nationalen Regierung stand.

»Warum nehmen die Chinesen das hin? Warum die Japaner? Weil dieses System ihnen ermöglicht, ihre industrielle und technische Entwicklung voranzutreiben.«

Doch seit den 1970er Jahren, und ganz bestimmt seit der Volcker-Ära Anfang der 1980er Jahre, sind US-Staatsanleihen die globale Reservewährung. Somit besteht eine Asymmetrie in der Weltwirtschaft. Wenn die Chinesen oder die Japaner oder wer auch immer US-Staatsanleihen anhäufen, liefern sie im Gegenzug für diese Anleihen reale Güter und Dienstleistungen. Tatsächlich ist es zu ihrem Vorteil, dies zu tun. Das bedeutet jedoch zwangsläufig, dass [die USA] mehr importieren als exportieren, und folglich müssen sie die meiste Zeit einen erheblichen Überschuss der Staatsausgaben gegenüber den Steuereinnahmen verzeichnen. Das bezeichnen wir als Haushaltsdefizit.

Die Weltwirtschaft funktioniert schon seit langem nach diesem Prinzip. Dennoch denken viele Ökonominnen und Ökonomen – und ganz sicher auch die Personen, die im Kongress tätig sind und mit Institutionen wie dem Congressional Budget Office zusammenarbeiten – nach wie vor im Sinne des Ideals eines ausgeglichenen Haushalts. Es gibt eine Institution namens »Ausschuss für einen verantwortungsvollen Bundeshaushalt«. Was verstehen die eigentlich unter einem »verantwortungsvollen Bundeshaushalt«? Ganz simpel: Sie meinen einen Haushalt, in dem der Staat genauso viel an Steuern einnimmt, wie er anderswo ausgibt.

Das ist aber schlichtweg nicht die reale Welt, in der die Vereinigten Staaten agieren – und zwar schon seit langer Zeit. Warum nehmen die Chinesen das hin? Warum die Japaner? Weil dieses System ihnen ermöglicht, ihre industrielle und technische Entwicklung voranzutreiben. Das gelingt ihnen offensichtlich. In dem Maße, in dem sie Produkte in größerem Umfang verkaufen können, erzielen sie einen kumulativen Vorteil, den sie auch dazu nutzen können, den Lebensstandard in ihren eigenen Ländern anzuheben.

Ob sie diesen zusätzlichen Außenmarkt – die Vereinigten Staaten – in Zukunft weiterhin benötigen werden, ist eine offene Frage. Seit langer Zeit ist dies aber das Vorgehen. Und wie ich bereits sagte: Sie haben enorm davon profitiert.

Wie sieht es mit der anderen Seite der Medaille aus? Für die Vereinigten Staaten ist es eine Art faustischer Pakt: Wir haben Zugang zu sehr vielen, sehr hochwertigen und kostengünstigen Waren, die wir alle nutzen: von unserer Kleidung über unsere Smartphones bis hin zu einem Großteil unserer Lebensmittel und anderer Produkte. Gleichzeitig haben wir jedoch die lokalen Kompetenzen und Kapazitäten verloren, einen Großteil dieser hochkomplexen Produktion in den USA selbst durchzuführen.

Dies ist ein zentrales Argument, das Sie in Ihrem Buch vorbringen: dass die finanzielle Dominanz der Vereinigten Staaten im Gegensatz zu ihrer industriellen Wettbewerbsfähigkeit steht.

Man kann offensichtlich nicht beides haben. Die Briten haben das irgendwann festgestellt; und wir stellen jetzt gerade fest, dass man nicht beides haben kann. Wie man einen Schritt zurück macht oder etwas unternimmt, um wieder ein besseres Gleichgewicht herzustellen, ist eine ganz andere Problematik. Und es ist keine einfache Frage, weil der Rest der Welt dieses System bislang größtenteils begrüßt hat.

»Es wird nicht gelingen, die US-Industrieunternehmen wiederzubeleben, aber man könnte BMW und Volkswagen verstärkt in die USA bringen, wo sie vermutlich rentabler operieren als in Deutschland, wo es höhere Energiekosten, höhere Arbeitskosten und strengere Vorschriften gibt.«

In jüngster Zeit haben wir – und damit kommen wir zu einem weiteren Aspekt des Buches – dieses System untergraben, indem wir unsere finanzielle Dominanz als Waffe einsetzen. Wir verhängen Sanktionen gegen Russland, gegen China, gegen den Iran und gegen andere Länder, die uns nicht gefallen. Und wissen Sie, was diese Länder tun? Sie sagen sich: »Okay, es ist zwar etwas umständlich für uns, eigene Zahlungssysteme aufzubauen und unseren Handel in unseren eigenen Währungen abzuwickeln, vielleicht sogar mehr Gold, Öl, Zinn, Kupfer und dergleichen als Reserven zu halten und weniger US-Staatsanleihen... Aber wenn die US-Staatsanleihe für uns kein verlässlicher Vermögenswert mehr ist, wenn sie beschlagnahmt werden kann, dann müssen wir eben genau das tun.«

So untergräbt man letztendlich die Grundlage der US-amerikanischen Finanzkraft. Auch hier gilt: Vielleicht ist das für die Vereinigten Staaten gar nicht so schlecht. Aber es ist auf jeden Fall nicht das verfolgte Ziel derjenigen, die diese Sanktionen verhängen.

Lassen Sie uns über Trumps Zölle sprechen. Er versucht, die Handelsbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und China zu verändern. Das hat auch Biden versucht. Sie sagen hingegen, dass keine Politik der USA diese Beziehungen kurzfristig wesentlich verändern dürfte.

Ich kann nicht behaupten, dass mir der Angriff Trumps auf den Freihandel – zweifellos ein Teil des bisherigen Ökonomie-Dogmas – absolut unsympathisch wäre. Dieses Dogma, diese Thesen sind ebenso überbewertet wie überkommen.

Doch angesichts der aktuellen Situation mit einer solchen Zollpolitik muss man sich schon fragen: Was genau wird damit erreicht? Die Antwort, die die Trump-Leute ganz deutlich artikulieren, lautet, dass damit in erster Linie große Industriekonzerne – insbesondere europäische und vor allem deutsche Unternehmen – dazu gezwungen werden sollen, verstärkt in die Vereinigten Staaten abzuwandern, um weiterhin guten Zugang zum amerikanischen Markt zu haben. Es wird also nicht gelingen, die US-Industrieunternehmen wiederzubeleben, aber man könnte BMW und Volkswagen verstärkt in die USA bringen, wo sie vermutlich rentabler operieren als in Deutschland, wo es höhere Energiekosten, höhere Arbeitskosten und strengere Vorschriften gibt.

Was China betrifft: Ich denke, wir stehen der Anwerbung chinesischer Unternehmen für große Investitionen in den Vereinigten Staaten sehr ambivalent gegenüber, weil es Vorbehalte hinsichtlich der vermeintlichen sicherheitspolitischen Auswirkungen gibt. Im Gegensatz dazu gibt es keine Bedenken, BMW anzusiedeln. Darüber hinaus gehe ich in dem Kapitel des Buches über China auf die Vorstellung ein, dass wir einen autonomen Hochtechnologiesektor aufbauen wollen, ohne dabei aber die globale Struktur der Halbleiterindustrie, wie sie derzeit besteht, zu berücksichtigen.

Es handelt sich um eine Branche, deren Komponenten praktisch unersetzbar sind und über die ganze Welt verteilt sind. Die chinesischen Veredelungskapazitäten für seltene Erden lassen sich nur unter enormen Schwierigkeiten austauschbar. Auch die chinesische Dominanz bei Gallium – das keine Seltene Erde, sondern ein Nebenprodukt der Aluminiumproduktion ist – lässt sich schlichtweg nicht ersetzen. Chinas Vorsprung gegenüber den Vereinigten Staaten beträgt in diesem Bereich neunzig zu eins. Es wird also nicht passieren, dass sich da etwas Grundlegendes ändert. Die USA büßen seit 1980 an Aluminiumkapazitäten ein. Auch die notwendigen Bezugsquellen für Neon und Helium lassen sich nicht ersetzen: Helium kommt aus dem Persischen Golf, Neon aus Russland und der Ukraine. Und die Produktion von Chips in Taiwan ist höchst effizient.

»Wir sind eine Art faustischen Pakt eingegangen: Wir nehmen eine sehr starke Position in der Weltfinanz ein und untermauern diese Machtposition mit dem, was wir für eine sehr starke Position in militärischer Hinsicht halten. Aber diese Macht scheint auf Sand gebaut.«

Wenn man also versuchen will, all das in die Vereinigten Staaten zu verlagern – sofern dies überhaupt möglich wäre –, hätte man am Ende eine Industrie, die viel kleiner wäre, mit deutlich höheren Stückkosten und somit völlig wettbewerbsunfähig. Man würde im Grunde genommen die globale Halbleiterindustrie zum Zusammenbruch bringen – eine Industrie, die die Grundlage für die meisten der von uns heute genutzten Industrieprodukte bildet.

Die beiden Modelle für eine solche Entkopplung, die einem in den Sinn kommen, sind die Sowjetunion und Jugoslawien. Die Sowjetunion ist zerfallen. Doch was genau geschah, als die Sowjetunion zerfiel? Es gab diese riesige Industriekette: Die Sowjetunion war ein sehr großer Produzent von Stahl, Aluminium, Nickel, Automobilen und so weiter. Ein Teil davon wurde auf dem lokalen Markt verkauft, ein anderer Teil exportiert, doch die Lieferkette erstreckte sich über das Gebiet von später fünfzehn verschiedenen, unabhängigen Ländern. Ein Großteil der Produktion brach dann zusammen. Jugoslawien wiederum verfügte über eine gut laufende Automobilindustrie. [Das hergestellte Auto] war vielleicht nicht besonders gut; es handelte sich um eine Nachahmung des Fiat namens »Yugo«. Diese Industrie brach zusammen, weil die einzelnen Produktionsstätten in Serbien, Kroatien und anderswo ihren Betrieb einstellten.

Man stelle sich nun vor, dass dies auch auf dem globalen Halbleitermarkt geschieht. Das wäre natürlich ein weitaus größerer Schock für das weltweite Produktionssystem. Für mich ist daher klar: Versucht nicht, Euch in die Entwicklung Chinas einzumischen. Es handelt sich um ein Phänomen, das wir nicht aufhalten können. Und wenn man es doch versucht, wären die Folgen für uns weitaus schlimmer als für sie.

In The Power to Destroy erörtern Sie eine mögliche multipolare Zukunft, in der Russland, China und andere Staaten wie der Iran zu größeren Weltmächten aufsteigen, während die Rolle der Vereinigten Staaten schwindet. Was den Austausch zwischen der finanziellen Dominanz der Vereinigten Staaten und ihrer industriellen Wettbewerbsfähigkeit betrifft: Glauben Sie, dass der Niedergang des Dollars oder der globalen wirtschaftlichen Position der USA Wachstum und Innovation im Inland schaffen wird?

Ich möchte mich davor hüten, zu behaupten, ich hätte eine Art messianische Vision zur Wiederherstellung der Position der Vereinigten Staaten. Wenn man ein Buch schreibt, neigt man dazu zu sagen: Hier ist ein Problem – wo ist die Lösung? Dem stehe ich ein wenig skeptisch gegenüber. Denn mir scheint: Wenn man sich 40 oder 50 Jahre lang immer tiefer eine Grube gegraben hat, sollte man sich nicht vorstellen, dass man da ganz einfach wieder herauskommt.

»Unter den Befürwortern einer multipolaren Welt gibt es viel Enthusiasmus hinsichtlich einer Art alternativen Währungssystems. Für mich ist aber nicht absehbar, dass so etwas in näherer Zukunft entstehen wird; das scheint nicht zu bewerkstelligen zu sein. «

Wie gesagt, wir sind eine Art faustischen Pakt eingegangen: Wir nehmen eine sehr starke Position in der Weltfinanz ein und untermauern diese Machtposition mit dem, was wir für eine sehr starke Position in militärischer Hinsicht halten. Aber diese Macht scheint auf Sand gebaut: Sie wird ganz aktuell durch technologische Revolutionen untergraben.

Die militärische Macht der Vereinigten Staaten, die die Säule ist, auf der unsere Finanzmacht angeblich ruht – und es ist nicht klar, ob das wirklich komplett zutrifft, aber sicherlich ist es ein Aspekt –, besteht im Wesentlichen aus zwei Teilen. Erstens gibt es die Flugzeugträger, die 1944 zur Hauptwaffe im Pazifikkrieg wurden. Damals verfügten wir über 90 davon; mittlerweile sind es nur noch etwa ein gutes Dutzend. Zweitens sind da die Stützpunkte, die wir weltweit errichtet haben, um im Kalten Krieg die Sowjetunion und China einzukreisen.

Beides ist im Wesentlichen veraltet und nicht mehr zu verteidigen. Das haben wir gerade im Persischen Golf festgestellt. Die großen Schiffe müssen in großer Entfernung ankern, was ihre Wirksamkeit mindert. Und die globalen Stützpunkte sind leichte Beute: Jeder weiß, wo sie sich befinden; sie können von vielen, relativ kostengünstigen Raketen oder Drohnen getroffen und unbrauchbar gemacht werden. Und man kann nicht einmal hingehen und sie wiederaufbauen, da man erneut getroffen werden könnte. Diese beiden Aspekte [der militärischen Macht der USA] haben sich nun schlagartig als Papiertiger erwiesen.

Wird die finanzielle Vorherrschaft der USA Bestand haben? Eine Zeit lang schon, denn sie kommt allen gelegen. Unter den Befürwortern einer multipolaren Welt gibt es viel Enthusiasmus hinsichtlich einer Art alternativen Währungssystems. Für mich ist aber nicht absehbar, dass so etwas in näherer Zukunft entstehen wird; das scheint nicht zu bewerkstelligen zu sein. 

Was können die Vereinigten Staaten also tun? Erstens kann man einen Teil der Ressourcen, die wir derzeit noch in diese veralteten Militärtechnologien stecken, mit denen wir früher die Welt einschüchterten und die mittlerweile nicht mehr wirksam sind, anderweitig nutzen. Mein Rat wäre also: Hören wir auf mit diesem Wahnsinn und setzen wir diese Ressourcen für etwas anderes ein.

»Als Folge der Austeritätspolitik stellen die Menschen fest, dass die Differenz zwischen dem eigenen Einkommen und den Ausgaben immer kleiner wird. Also schaut man sich um und fragt sich: ›Was kann ich tun, um zu sparen?‹«

Zweitens ist das Finanzsystem eine Ursache für die enorme Verzerrung der Einkommens- und Vermögensverteilung in den USA selbst. Warum tun wir uns das an? Vor 50 oder 70 Jahren war das noch nicht der Fall. Ein großer Vorteil, den Franklin D. Roosevelt hatte, war, dass das Finanzsystem zusammengebrochen war, als er die Macht übernahm. Er konnte ein Land aufbauen, das im Wesentlichen ein industrielles Mittelschichtland war.

Ich glaube nicht, dass wir die industrielle Basis komplett wiederherstellen können. Vielleicht sollten wir das trotzdem anstreben. Viel wichtiger ist aber, dass man die Oligarchie zerschlagen muss. Diese Oligarchie besteht aus der Finanzwelt und den Marktkapitalisierungen im Tech-Sektor. Diese sind offensichtlich sehr eng miteinander verwoben. Sie sind es, die das Land heute lenken. Genau hier sollte über gesellschaftliche Reformen nachgedacht werden. Man sollte die Menschen im Land versuchen lassen, herauszufinden, wie sie ihre eigene Grundlage für nachhaltigen Wohlstand wiederaufbauen können. Und bestenfalls lassen sich dabei auch einige Fortschritte im Umweltbereich erzielen.

Im Buch gibt es auch eine interessante Auseinandersetzung mit dem Thema sinkende Geburtenraten und demografischer Wandel...

Das ist ein Thema, dem in letzter Zeit viel Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Die Dynamik beim Thema Bevölkerung ist ziemlich unerbittlich: Wenn man die Bevölkerung nicht durch einen bestimmten Anteil an Kindern pro verfügbarer Frau – nämlich 2,1 – stabil aufrechterhalten kann, dann wird der entsprechende R-Wert, der die Bevölkerungsdynamik angibt, unter eins fallen. Liegt er unter eins, nimmt die Bevölkerung tendenziell ab und altert, und die Ressourcen werden nicht mehr in erster Linie für Kinder, sondern zunehmend für ältere Menschen eingesetzt. Somit wird es dann auch für Menschen, die mehr Kinder haben, zunehmend schwierig.

Was geht aktuell vor sich? Mir scheint, dass die Haushalte Entscheidungen treffen, die für sie aus ökonomischer Sicht sinnvoll sind. [Das geschieht] in reichen Ländern auf der ganzen Welt – nicht nur in den Vereinigten Staaten. Man gründet einen gemeinsamen Haushalt und ist fortan mit einer ganzen Reihe von Fixkosten konfrontiert. Man hat eine Hypothek. Man hat Strom-, Wasser- und Gasrechnungen. Man hat Pendelkosten. Man hat grundlegende Lebenshaltungskosten. Und man hat einen selbst angestrebten Lebensstandard. Dieser Standard ist oft nur erreichbar, wenn beide Partner arbeiten.

Als Folge der Austeritätspolitik, als Folge der Versuche, die Erwerbsbevölkerung auf die von mir beschriebene Weise zu disziplinieren, stellen die Menschen fest, dass die Differenz zwischen dem eigenen Einkommen und den Ausgaben immer kleiner wird. Also schaut man sich um und fragt sich: »Was kann ich tun, um zu sparen?« Und ein Kind ist ein besonders großer Ausgabenposten für ein junges Paar. Denn Kinder müssen großgezogen, ernährt, unterhalten und zur Schule geschickt werden. Es reicht nicht mehr aus, sie durch den Kindergarten zu bringen; [man muss] ihr College und gegebenenfalls ihr Aufbaustudium finanzieren. Diese ganze Zeit lang tragen sie normalerweise nicht zum Einkommen bei. Sie arbeiten nicht auf dem Familienhof mit. Und sie werden auch nicht unbedingt da sein, um die Eltern im Alter zu unterstützen, denn dafür gibt es – mehr oder weniger – die Sozialversicherung.

Das bedeutet nicht, dass man ganz auf Kinder verzichtet, aber es bedeutet, dass es eher selten wird, mehr als zwei Kinder zu haben. Viele Menschen haben nur ein Kind oder gar keins. Das kann man sich doch fragen: Wie viele Menschen kennen wir, die fünf Kinder haben? Nicht sehr viele. In der Generation meiner Eltern war das völlig normal. Es war eine andere Welt. Sie hatten viel weniger feste Verpflichtungen und einen viel größeren Spielraum. Zudem sind in einer bäuerlichen Gemeinschaft die Kinder schon von klein auf wertvoll. Adam Smith schrieb in Der Wohlstand der Nationen, dass eine junge Witwe mit acht oder neun Kindern, die in Europa keine Zukunftsperspektive hatte, in den amerikanischen Kolonien über ein kleines Vermögen verfügen würde, weil ja jedes Kind auf dem Hof einen Nettogewinn von mindestens 100 Pfund einbrachte – und 100 Pfund waren im Jahr 1776 eine Menge Geld.

Um gegen diese Entwicklung anzukämpfen, bedarf es einer wirklich massiven, gesamtgesellschaftlichen Anstrengung. Meines Wissens hat es bisher noch keine Gesellschaft geschafft, unter die Reproduktionsrate zu fallen und dann wieder darüber zu steigen.

»Als wir den Menschen während der Corona-Pandemie mehr Geld gaben, haben sie es auf ihren Bankkonten angehäuft. Was sollten sie auch sonst tun?«

Die Konservativen scheint dieses Thema sehr umzutreiben. Deren Lösungen gehen aber in Richtung Kulturwandel, Regression und Zwang.

Man muss den Menschen die materiellen Voraussetzungen schaffen, unter denen die Gründung einer Familie für sie vorteilhaft ist. Man kann sie nicht zu einer Art »altmodischer« Lebensweise zwingen…

Man kann sie nicht zum Tradwife-Leben verdonnern.

Genau. Das ist eine Reaktion auf ein tatsächlich bestehendes Problem, doch diese vermeintliche Lösung wird nicht zum Erfolg führen. In dieser Frage wird viel herumgestümpert. Grundsätzlich gilt: Man muss den Menschen die Ressourcen an die Hand geben, um die zugrundeliegenden Ursachen zu ändern.

Dies ist auch Teil der Argumentation des Buches zum Thema Corona: Haushalte sind vernünftige, unternehmerisch handelnde Einheiten. In der traditionellen Wirtschaftswissenschaft gibt es die Vorstellung, dass man den Haushalten mehr Geld geben muss, damit sie es ausgeben – die sogenannte »Multiplikator-Analyse« –, wodurch dann die Wirtschaft angekurbelt wird. Das ist ein Verständnis, das ich zutiefst verabscheue, da es auf einer Art pawlowscher Reaktion beruht: Wenn man den Menschen einfach mehr Geld gibt, dann geben sie auch mehr aus.

Das ist nicht so. Der moderne Haushalt hat ein etablierteres Geschäftsmodell. Er unterhält eine Bankbeziehung. Er besitzt Kreditkarten und verfügt über ein Budget. Er hat eine Reihe fester Verpflichtungen. Er gleicht nicht einem Arbeiterhaushalt des 19. Jahrhunderts, wo der Erwerbstätige in einer Mietskaserne lebt und den Verdienst des Freitagnachmittag am Freitagabend in der Kneipe ausgibt. So funktioniert weder ein amerikanischer noch irgendein anderer moderner Haushalt. Als wir den Menschen während der Corona-Pandemie mehr Geld gaben, haben sie es auf ihren Bankkonten angehäuft. Was sollten sie auch sonst tun? Und dann haben sie es in Immobilien oder anderweitig investiert.

Das bedeutet: Sie haben vernünftige, rationale ökonomische Entscheidungen getroffen. Und genau das tun sie auch, wenn sie darüber nachdenken, wie viele Kinder sie sich leisten können.


Übersetzung von Tim Steins.

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