Der Pflegeberuf zerstört die Gesundheit seiner Beschäftigten
In Deutschland macht die Kürzungswelle der Bundesregierung auch an der Pflege nicht halt. Momentan wird in Berlin über die geplante Pflegereform gestritten. Die Renten pflegender Angehöriger könnten dabei um bis zu 30 Prozent reduziert werden, während der Druck auf die Pflege-Beschäftigten weiter steigt. Neben deutschlandweiten Protesten machen in Verdi organisierte Pflegekräfte gerade mit einer spektakulären Aktion auf ihre Forderungen aufmerksam: Ab dem 30. August 2026 schieben sie ein Pflegebett von Magdeburg 204 Kilometer bis nach Berlin.
Weiter südlich setzt Österreich hingegen ein anderes Zeichen. Seit 1. Januar 2026 gilt Pflege dort offiziell als Schwerarbeit. Wer die Voraussetzungen erfüllt, kann nun bereits mit sechzig in Rente gehen. Dabei steht der Kampf um eine Universalisierung dieses Anspruchs noch aus, so können in der jetzigen Form nur ein Drittel der Pflegekräfte tatsächlich davon profitieren. Ein Kontrapunkt zur Reform in Deutschland ist es aber allemal.
Im Gespräch mit Jacobin erklärt die ehemalige Pflegerin und Gewerkschafterin Katharina Scheinast, warum diese Anerkennung überfällig ist, wie sehr Pflege körperlich wie psychisch an die Substanz geht – und warum die Beschäftigten immer entschlossener für bessere Bedingungen kämpfen.
Warum bist du Pflegerin geworden?
Meine Mutter ist selbst Gesundheits- und Krankenpflegerin. Aber bei ihr war das irgendwie ein bisschen alternativlos. Es war anfangs nicht ihr Traumjob, sondern eigentlich nur die bestmögliche Option, die es damals gegeben hat. Sie kam vom Land und ihre Eltern hatten kein Geld dafür, dass sie Matura macht. Damals hat man als Frau vom Land ohne Matura relativ wenig Jobperspektiven gehabt. Es war also die Frage, ob sie Sekretärin wird, einfach Hausfrau bleibt oder eben Krankenschwester wird. Krankenschwester war für sie die Möglichkeit, bei der sie das Gefühl hatte, da ist sie flexibel, kann überall arbeiten, kann sich ihr eigenes Leben finanzieren. Aber es war nicht ganz freiwillig.
»Von meiner Mutter weiß ich aber schon, dass früher der Arbeitsdruck ganz anders war. Die hat im Nachtdienst noch ganze Pullover stricken können.«
Sie hat eigentlich immer das Gefühl gehabt, wenn eines ihrer Kinder mal in die Pflege gehen muss, so wie sie gehen musste, dann hat sie irgendwas falsch gemacht. Für sie war das also erst schwierig, als ich gesagt habe, dass mich das interessieren würde. Als Kind habe ich natürlich viel mitgekriegt. Und was mich sehr beeindruckt hat, war ihr Zugang zu Krisensituationen und zu dem, wie andere Menschen ihr Leben gestalten. Man lernt natürlich viele unterschiedlichste Menschen kennen, die in einer Ausnahmesituation sind.
Und war es in etwa so, wie du es dir vorgestellt hast – und war das vergleichbar mit dem, was deine Mutter erlebt hat?
Die zehn Jahre, die ich in der Pflege gearbeitet hab, sind natürlich nur ein Ausschnitt. Von meiner Mutter weiß ich aber schon, dass früher der Arbeitsdruck ganz anders war. Die hat im Nachtdienst noch ganze Pullover stricken können. Davon waren wir weit entfernt.
Es gibt Dienste, da gehst du 13 Stunden lang nicht auf die Toilette – und zwar nicht, weil du nicht musst, sondern weil du einfach nicht kannst. Abgesehen davon, dass du 13 Stunden lang nicht einmal zum Trinken kommst. In Österreich haben wir noch Zwölfeinhalb-Stunden-Dienste und das führt zu einem enormen Arbeitsdruck.
Was macht denn die Pflege für dich als Berufsbild aus?
Die eigentliche Kernkompetenz der Pflege ist der Beziehungsaufbau. Ich muss ja schauen, dass ich die Person, mit der ich zu tun hab, wirklich kennenlerne, dass ich sie verstehen lerne – ich muss ja nicht mit der Krankheit leben, aber die Person muss es schon. Und wenn ich mir keine Zeit für Schulung, Erklärungen und Anleitungen nehmen kann, kennen sich die Personen zuhause nicht aus – die kriegen vielleicht Angst, weil sie Dinge nicht einschätzen können und kommen dann wieder. Und dann habe ich noch einmal, also doppelt, die Arbeit.
Das ist dieser Drehtüreffekt: Wir können Leute nicht abschließend, vernünftig, vollumfänglich versorgen, weil wir schon vorher Zeitdruck haben. Dadurch kommen sie sofort wieder hier rein und verstärken zusätzlich den Arbeitsdruck. Es ist wahnsinnig frustrierend, das Gefühl zu haben, seine Arbeit nicht so machen zu können, wie man es für sinnvoll erachtet, weil dafür keine Zeit ist.
Fehlt es also primär an Investitionen in das Pflegepersonal?
Es ist schon erstaunlich, wenn man sich das statistisch anschaut. Wir haben in den letzten zehn Jahren immer mehr Mediziner. Klar, es gibt auch einen Ärztemangel in manchen Bereichen. Aber wir haben in den Krankenhäusern immer mehr Mediziner eingestellt – allerdings bei fast gleichbleibendem, diplomiertem Pflegepersonal. Das ist weit nicht in der Dimension mitgewachsen, wie die Ärztinnen und Ärzte mitgewachsen sind. Und das, obwohl in den letzten 10 Jahren wahnsinnig viele Tätigkeiten von Medizinerinnen und Medizinern auf die Pflege übergewälzt worden sind: Blutabnahmen, Infusionsmanagement, Konserven anhängen, EKG schreiben.
Es geht nicht darum, eine einzelne Tätigkeit zu machen. Für eine Blutabnahme muss ich nicht studieren. Das kann man jedem beibringen, jeder kann das lernen. Wofür ich eine lange Ausbildung brauche und wofür wir eigentlich unsere Kompetenzen entwickelt haben, ist alles, was neben dieser Blutabnahme passiert.
»Wenn zum Beispiel irgendjemand verstirbt und es vielleicht eine Reanimationssituation gab, kann ich nicht einmal meine Kolleginnen entlasten, weil ich keine Zeit habe in diesem Moment.«
Wenn ich zu jemandem Blut abnehmen gehe, dann gehe ich ja nicht hin und komm mit dem Röhrl wieder raus. Sondern ich gehe hin, komm mit dem Röhrl wieder raus und weiß ganz genau, wie der Tag der Person war, was sie gegessen hat, wie ihr Hautzustand ist, wie viel sie getrunken hat, ob sie ausreichend Stuhl hat, wie der Harn ausschaut, ob ihr schwindlig ist. Womöglich weiß ich sogar noch, ob die Person belastet ist, weil der Hund jetzt zu Hause nicht versorgt ist oder die Kinder sich sorgen.
Ich weiß so viel mehr – und das ist meine Kernarbeit, für die ich in Wahrheit keine Zeit mehr habe. Damit kann ich mich auch gar nicht mehr auf die Leute einlassen und das tun, was sie ganz individuell von mir brauchen würden. Und es ist auch egal, wie viele Schichtdienste ich mache oder wie schnell ich arbeite, ich habe trotzdem nicht das Gefühl, dass ich mehr erledigt habe.
Das zentrale Problem ist also der Mangel an Zeit mit Patientinnen und Patienten?
Man kommt da rechtlich schnell in die Bredouille, denn die Ärztin oder der Arzt kommt zwei Minuten am Tag in ein Patientenzimmer zur Visite. Und oft kommt das bei den Leuten gar nicht in dieser Geschwindigkeit an. Das heißt, sie stellen danach Fragen. Nachdem die Mediziner aber nicht mehr greifbar sind, stellen sie die Fragen dann mir.
Ich muss Patienten sagen, dass ich sie eigentlich rechtlich gesehen nicht medizinisch aufklären darf. Aber Aufklärung ist ja viel mehr als eine Information weiterzugeben, sondern ich muss ja erst einmal schauen, was die Patientinnen und Patienten überhaupt verstanden haben.
Ich brauche unglaublich viel Zeit dafür, die ich nicht habe. Andererseits darf ich das ja auch gar nicht, obwohl ich es kann. Und ich weiß, dass es für die Versorgung der Patientinnen und Patienten absolut notwendig ist. Das macht es extrem frustrierend.
»Ich habe keine Zeit, meine neuen Kolleginnen und Kollegen, die ich aber eigentlich so dringend brauche, einzuschulen.«
Parallel dazu habe ich nicht einmal Zeit, mich um meine eigenen Kolleginnen und Kollegen zu kümmern. Wenn zum Beispiel irgendjemand verstirbt und es vielleicht eine Reanimationssituation gab, kann ich nicht einmal meine Kolleginnen entlasten, weil ich keine Zeit habe in diesem Moment.
Ich kann mich auch nicht um Kolleginnen und Kollegen kümmern, die in Ausbildung sind. Teilweise bist du ja alleine auf einer Station und gleichzeitig musst du Pooldienste, also betriebsfremde Personen, einarbeiten. Diese hat zwar dieselbe Ausbildung wie du, aber da musst du dennoch anfangen mit: »Hier findest du den Waschlappen. Da ist das Labor. Hier ist unsere Spüle. Da sind deine Patientinnen.« Ich habe keine Zeit, meine neuen Kolleginnen und Kollegen, die ich aber eigentlich so dringend brauche, einzuschulen.
Die Vereinbarkeit mit Kindern ist auch schwierig. Es gibt auch kaum mehr Dienstgeber, die Kindergärten anbieten, geschweige denn Kindergärten, die zwölfeinhalb Stunden die Kinder nehmen. Das heißt aber, ich kann in Wahrheit nie Alleinerziehende sein und Vollzeit arbeiten – das wäre nicht möglich.
Deshalb müssen die meisten Kolleginnen dann auch Teilzeit arbeiten? Das geht dem Narrativ in Österreich, aber auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern entgegen, dass wir wieder mehr arbeiten müssen – als ob das einfach so möglich wäre.
In der Theorie wäre es machbar, Vollzeit zu arbeiten. Aber es ist halt eine Lüge, dass ich wirklich Vollzeit arbeite. Der Dienstplan, so wie er am Anfang des Monats steht, hat nichts mit dem Dienstplan zu tun, der am Ende des Monats steht. Dafür haben wir viel zu knappe Personalschlüssel mit zu geringen Ausfallzeiten.
Auf einer Station neben meiner waren die so niedrig besetzt, dass die Kolleginnen nicht einmal ihren gesetzlich vorgegebenen Urlaub abbauen können. Und da ist aber noch niemand krank geworden oder ausgefallen oder schwanger geworden oder in Pension gegangen.
Selbst wenn das die besten und personalfreundlichsten Dienstgeberinnen überhaupt wären, müssten sie sich auch an Strukturpläne und die äußeren, politischen Rahmenbedingungen halten. Die Finanzierung des Gesundheitswesens ist natürlich ein Geschäft. Wir reden viel von Daseinsvorsorge, aber in Wahrheit geht es da um Geld und es gibt Leute, die sich da Geld zusätzlich einstecken. Das geht auf die Kosten der Patientinnen und Patienten und des Personals.
»Die Finanzierung des Gesundheitswesens ist natürlich ein Geschäft. Wir reden viel von Daseinsvorsorge, aber in Wahrheit geht es da um Geld und es gibt Leute, die sich da Geld zusätzlich einstecken.«
Es ist gut, dass wir gewerkschaftlich Gehaltserhöhungen erstritten haben. Eine Arbeitszeitverkürzung in dem Sinn ist noch nicht umsetzbar, weil es dafür einfach noch keine politischen Mehrheiten gibt. Aber durch die höheren Gehälter kaufen sich die Kolleginnen und Kollegen ihre Teilzeit.
Ich hatte drei Kolleginnen, die einfach mit Anfang oder Mitte 30 schon ihre ersten Bandscheibenvorfälle hatten, weil sie Vollzeit gearbeitet haben und zu wenig Kolleginnen da sind, die dir beim Positionieren der Patienten im Bett helfen oder beim Heben helfen. Wenn ich mit 30 schon einen Bandscheibenvorfall habe, wie soll ich mit Mitte 60 noch hackeln können?
Europaweit gibt es großen Druck von rechten Parteien auf Rentensystem und das Renteneintrittsalter. Wie sieht das in Österreich aus?
Neuerdings wird die Pflege als Schwerarbeit anerkannt. Es ist natürlich eine Art der Wertschätzung, dass es jetzt überhaupt politisch ein Thema ist. Die Schwierigkeit dabei ist aber, dass du dafür trotzdem schon unrealistisch viel gearbeitet haben musst. Es ist also nicht so einfach, diese Schwerarbeit tatsächlich zu bekommen. Die Wenigsten schaffen ja jetzt schon das gesetzliche Pensionsantrittsalter. Das faktische Pensionsantrittsalter ist viel niedriger – da kann jemand natürlich gerne irgendwo reinschreiben, dass man bis 80 arbeiten soll. Trotzdem bin ich mit 65 kaputt, dann bin ich halt bis 80 im Langzeitkrankenstand.
Ich glaube, es wäre möglich, länger zu arbeiten, wenn du nicht davor schon kaputt gearbeitet bist. Aber ich glaube nicht, dass die gesetzliche Änderung eine Lösung ist, solange es keinen richtigen Beschäftigtenschutz gibt; solange es keine Verbesserungen der Arbeitsbedingungen gibt, wo man den Druck rausnimmt, die Belastung rausnimmt, wo man wieder Freiräume schafft – auch für eine Weiterentwicklung dieses Berufsbildes. Wenn ich nicht einmal Zeit habe, meine neuen Kolleginnen und Kollegen anzulernen, wie will ich mir denn dann überlegen, ob nicht andere Abläufe vielleicht vernünftiger wären. Das ist unrealistisch.
Du hast es kurz angesprochen, dass ihr in den letzten Jahren Gehaltserhöhungen gewerkschaftlich erkämpft habt. Kannst du noch etwas mehr über eure gewerkschaftlichen Erfolge sprechen?
In den letzten Jahren haben wir zumindest in Teilbereichen des Pflege-, Sozial- und Gesundheitswesens die ersten richtigen Arbeitskämpfe erlebt – damit meine ich Streiks. In Österreich wird zwar in vielen Branchen schon immer wieder mal gestreikt, aber in der Pflege eigentlich nie. Vor drei Jahren, noch während der Pandemie, haben wir das erste Mal in den Ordensspitälern einen Streik gesehen. Und kurz darauf auch in den Privatspitälern. Der öffentliche Sektor tut sich immer noch wahnsinnig schwer.
Aber in diesen Bereichen haben wir gemerkt, dass die Belegschaft das auch einfordert, weil es einfach nicht mehr geht. Das, was jahrzehntelang funktioniert hat, dass ich mich als Pflegeperson Patientinnen und Patienten so verpflichtet fühle, dass ich alles mit mir machen lasse, hat sich langsam gedreht.
Ich merke, dass immer mehr von meinen Kolleginnen und Kollegen das auch für sich selber begreifen im Sinne von: »Ich zeige hier ein Problem auf, weil es meine Verantwortung ist, weil es genau da um meine Patientinnen und Patienten geht. Weil, wenn ich nicht mehr hackeln kann, dann ist niemandem von denen geholfen. Und deswegen ist es notwendig, dass ich aufstehe.«
Ich glaube, dass da schon auch viel Aufklärung seitens der Gewerkschaften passiert ist, die sehr wichtig war, um zu verstehen, dass es zum Beispiel bei Fehlern nicht um mein persönliches Versagen geht, sondern es geht darum, einen strukturellen Mangel aufzuzeigen. Und diese Verantwortung habe ich meinem Dienstgeber und den Patienten gegenüber. Genauso müsste ich ihm auch melden, wenn eine Steckdose kaputt ist oder ein Gerät nicht funktioniert.
@katharinascheinast danke für deine Zeit und das aufklärende Interview!