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Wie radikal ist die »Schwarze radikale Tradition« wirklich?

Cedric J. Robinsons »Black Marxism« gilt als Meilenstein der antirassistischen Theorie. Doch der marxistische Historiker August Nimtz widerspricht dessen Analyse von Rassismus, Klasse und Revolution. Im Interview erklärt er, warum.
August Nimtz
Cedric J. Robinsons »Black Marxism« beansprucht, eine eigene »Schwarze« Strömung des Marxismus zu entdecken. Kritiker wie August Nimtz bezweifeln allerdings, ob darin überhaupt noch viel Marxismus zu finden ist. Bild: IMAGO / GRANGER Historical Picture Archive

Das Werk des 2016 verstorbenen Politikwissenschaftlers Cedric J. Robinson, Black Marxism: The Making of the Black Radical Tradition, fand nach seiner Erstveröffentlichung im Jahr 1983 keine große Beachtung. Seit dem Jahr 2000, als es mit einem neuen Vorwort und einer Einleitung des berühmten Historikers Robin D. G. Kelley neu aufgelegt wurde, erfreut sich das Buch jedoch großer Beliebtheit und hat großen Einfluss auf die anglophonen Geistes- und Sozialwissenschaften sowie unter Aktivistinnen und in sozialen Bewegungen.

Robinsons Theorie des racial capitalism und sein Konzept einer Black radical tradition, die sich von einem angeblich »eurozentrischen« Marxismus abgrenzt, haben in den letzten Jahrzehnten die Debatten über Rassenungleichheit in kapitalistischen Gesellschaften und das Potenzial des Marxismus für antirassistische Politik geprägt. Auch in der deutschsprachigen Debatte gewinnen Black Marxism und der Begriff des racial capitalism zunehmend an Relevanz in der Diskussion um das Verhältnis zwischen Rassismus und Kapitalismus.

Doch nicht alle sind von der Radikalität von Robinsons Werk überzeugt. Der marxistische Historiker August Nimtz hat sich seit der Erstveröffentlichung des Buches direkt oder indirekt mit dessen Argumenten und Entwicklungsverlauf auseinandergesetzt. Der kürzlich erschienene Sammelband Black Marxism: A Marxist Critique macht seine Kritik, die sich über vier Jahrzehnte erstreckt, erstmals zugänglich. 

Im Gespräch mit Jacobin verteidigt Nimtz den Marxismus als die zuverlässigste Methode zur menschlichen Befreiung in der realen Welt und erläutert, warum dieser auch heute noch das Leitprinzip für den multiethnischen Klassenkampf bleibt.

Sie haben kürzlich gesagt, dass Ihr Buch seit über 40 Jahren in Arbeit ist. Tatsächlich begann Ihre Auseinandersetzung mit Robinsons Buch mit einer kritischen Rezension, die 1984 veröffentlicht wurde. Was hat Sie dazu motiviert, Ihren ursprünglichen Rezensionsaufsatz zu Robinsons Buch neu auflegen zu lassen und mit zwei verwandten Aufsätzen und einer neuen Rezension zu veröffentlichen? Warum gerade jetzt?

Der Kontext, der politische Moment, in dem wir heute leben. Praktisch alle meine Arbeiten, beginnend mit meinem 2000 erschienenen Werk Marx and Engels: Their Contribution to the Democratic Breakthrough, sind vom historischen Kontext geprägt. Sie alle stellen auf die eine oder andere Weise eine politische Intervention in den Moment dar, in dem sie verfasst wurden. Als sich die stalinistischen Regime in Russland und Osteuropa auflösten und nicht länger den Anspruch erhoben, marxistisch zu sein, hielt ich dies für einen günstigen Moment, um für das echte marxistische Projekt einzutreten, insbesondere für dessen demokratischen Kern. »Großartig«, sagte ich mir, »die Stalinisten geben nicht mehr vor, das zu sein, was sie nie waren«.

»Robinson fand ein aufgeschlossenes Publikum, das ebenfalls glaubte, dass Marx’ Projekt eine verbrauchte Kraft sei, ein Relikt der Vergangenheit, das in den sprichwörtlichen Mülleimer der Geschichte verbannt worden sei.«

Aber ich hatte Schwierigkeiten, einen Verlag zu finden. Die nicht gerade subtile Botschaft der linken Verlage lautete: »Du schwimmst gegen den Strom; das marxistische Projekt ist Geschichte«, was offenbar durch die Ereignisse ein Jahrzehnt zuvor mit den Regimen bestätigt wurde, die sich als marxistisch bezeichneten. Nach vielen Ablehnungsschreiben fand ich schließlich einen Verlag, einen etablierten akademischen Verlag. 

Im Gegensatz dazu, wie ich inzwischen darüber nachgedacht habe, hatte Robinson offenbar kaum Schwierigkeiten, einen neuen Verlag für sein 1983 erschienenes Werk Black Marxism zu finden, das mehr als ein Jahrzehnt lang weitgehend ignoriert worden war [und 2000 wiederveröffentlicht wurde]. Er fand ein aufgeschlossenes Publikum, das ebenfalls glaubte, dass Marx’ Projekt eine verbrauchte Kraft sei, ein Relikt der Vergangenheit, das in den sprichwörtlichen Mülleimer der Geschichte verbannt worden sei. Robinsons Buch, das den »echten« Marx ablehnte, schien trotz seines doppeldeutigen Titels eine Erklärung zu bieten: Marx’ angeblich falsche Annahme über das revolutionäre Potenzial des Proletariats und seinen angeblichen Eurozentrismus. 

Mein Ausgangspunkt heute ist, dass in der Ära von Trump und dem, wofür er steht, das Letzte, was progressive Kräfte brauchen, ein Projekt ist, das behauptet, revolutionär zu sein – revolutionärer sogar als das, was der »echte« Marx zu bieten hatte –, das aber in Wirklichkeit eine Chimäre ist und gerade deshalb gefährlich. Eine »völlig originelle Theorie der Revolution«, so der Historiker Robin D. G. Kelley, dem ich bei allem Respekt widerspreche. Daher die Notwendigkeit, Robinson zu kritisieren, besonders jetzt. 

Wie Sie andeuten, genießt Robinsons Buch heute hohes Ansehen, doch Sie standen ihm in Ihrer Kritik von 1984 – der ersten ausführlichen Bewertung eines Buches, das bei seinem Erscheinen kaum Beachtung fand – recht kritisch gegenüber. Warum war das so, und was empfanden Sie daran als problematisch?

Zunächst ein paar Hintergrundinformationen. Seit mehr als einem Jahrzehnt gab es in den Kreisen der Schwarzen Nationalisten in den USA eine erbitterte Debatte über die jeweiligen Vorzüge eines kulturell-nationalistischen gegenüber einem klassenanalytischen Ansatz in der Schwarzen Politik. Ich hatte bei diesen Debatten einen Platz in der ersten Reihe und beteiligte mich aktiv daran.

Vor ein paar Wochen wurde ich tatsächlich in einer Zoom-Sitzung über Kuba – genauer gesagt über die noch unvollendete Aufgabe der Revolution im Hinblick auf die »Rassengleichheit« – an diese Debatten erinnert. Diese Begegnung machte mir bewusst, dass nicht mehr viele von uns, die daran teilgenommen haben, noch am Leben sind, und dass diejenigen von uns, die es noch sind, die Pflicht haben, die Debatten korrekt wiederzugeben, einschließlich der Ansichten derer, mit denen wir nicht einer Meinung waren. 

Im Jahr 1984 bat mich der Herausgeber des in London ansässigen Journal of African Marxists, den ich aus meiner Zeit an der Universität kannte und der wiederum erfahren hatte, dass ich ein öffentlich bekennender Marxist und Mitglied der US-amerikanischen Socialist Workers Party (SWP) war, Robinsons Buch zu rezensieren – mit anderen Worten: Er bat mich, einen politischen Beitrag zu verfassen. 

Die Tatsache, dass Black Marxism vom Londoner Verlag Zed Press veröffentlicht wurde, erklärt höchstwahrscheinlich, warum eine ebenfalls in London ansässige Publikation von dessen Erscheinen wusste. Das Buch, wie mir beim Lesen bald klar wurde, stellte eine differenzierte Verteidigung der kulturell-nationalistischen Perspektive dar, die – wenn auch nur oberflächlich – vom Klassenstandpunkt geprägt war. 

»Nur wenn sich die US-Arbeiterklasse in all ihren Identitäten vereint und eine revolutionäre Arbeiterpartei aufbaut, kann der Rest der Welt sicher sein, dass der unvermeidliche Marsch des Kapitals in den Dritten Weltkrieg nicht stattfinden wird.«

Die Debatten erforderten, dass Robinson etwas über die marxistische Perspektive wusste. Aber zu behaupten, wie er es tat, dass drei bedeutende Schwarze Persönlichkeiten – W.E.B. DuBois, C.L.R. James und Richard Wright – den Marxismus aufgeben mussten, um etwas Befreienderes zu finden, eine »Black radical tradition«, stand, wie ich wusste, im Widerspruch zu den Tatsachen. So hatte ich beispielsweise das Privileg, an einem Vortrag teilzunehmen, den James – ich glaube, es war 1976 – in St. Paul, Minnesota, hielt und in dem er einige der historischen Gründer der SWP lobte. Das war für mich von großer Bedeutung, da ich der Partei gerade erst beigetreten war. 

Warum sollte James so etwas sagen? Weil St. Paul die Partnerstadt von Minneapolis ist, dem Schauplatz des wohl bedeutendsten Moments der Arbeiterradikalisierung in den 1930er Jahren in den USA: dem Teamsters-Streik von 1934. Dieser wurde von einem Kern aus Kommunisten angeführt, mit denen James verbunden gewesen war – Trotzkisten, noch dazu weiße. Für mich, einen noch immer – wenn auch weniger engagierten – Schwarzen Nationalisten, trug es dazu bei, meine Entscheidung zu legitimieren, als ich hörte, wie jemand mit James’ Referenzen der SWP seine Anerkennung aussprach.

Wie richtig diese Entscheidung war, wurde mir vor einem Monat in São Paulo, Brasilien, bewusst, als eine junge Arbeiterin, eine U-Bahn-Lokführerin, nach einem Vortrag, den ich gerade gehalten hatte und in dem ich den Teamsters-Streik von 1934 im Zusammenhang mit den Anti-ICE-Aktionen Anfang 2026 in Minneapolis erwähnt hatte, auf mich zukam. »Oh ja«, sagte sie, »Minneapolis 1934, der Streik der Teamsters«, über den sie gelesen hatte. »Ich hatte den Zusammenhang nicht hergestellt.« 

Robinsons falsche Behauptung, dass Persönlichkeiten wie James mit dem Marxismus gebrochen hätten, war einer meiner Hauptkritikpunkte an dem Buch. Ich wusste es besser. Die andere wesentliche Kritik war im Nachhinein betrachtet noch wichtiger. Nicht nur hatten diese drei historischen Persönlichkeiten den Marxismus nicht abgelehnt, wie Robinson behauptete – ganz sicher nicht DuBois und James –, sondern es gab auch zeitgenössische Persönlichkeiten, die sich dem Marxismus verschrieben hatten. Nicht zuletzt Maurice Bishop, der Anführer einer Revolution, die sich in Echtzeit in Grenada abspielte, während Robinson sein Buch schrieb. Ich wusste damals genug über das tatsächliche marxistische Projekt, um jede Perspektive abzulehnen, die sich als revolutionär bezeichnete, aber ein revolutionäres Projekt in Echtzeit nicht erkannte – insbesondere in der Schwarzen Welt, für die Robinsons Buch vorgab, der Experte zu sein. Instinktiv wusste ich, dass Robinsons Black Marxism politisch unzureichend war. 

Nicht umsonst beendete ich meine Kritik von 1984 mit einem unbequemen Rat, den Bishop 1983 Afroamerikanern wie Robinson gegeben hatte: Überwindet eure Vorbehalte gegenüber der Zusammenarbeit mit weißen Arbeitern – das war das eigentliche Problem, das die kulturellen Nationalisten von denen von uns getrennt hatte, die eine marxistische Perspektive vertraten. Im Nachhinein betrachtet war ich damals zu nah am Geschehen, um die volle Bedeutung von Grenadas Abwesenheit in Robinsons Darstellung zu erkennen – was ich in meiner neuen Rezension seines Buches versuche zu korrigieren. 

Vor einigen Jahren erfuhr ich zufällig, dass Bishop und ich – zumindest auf dem Papier – Mitglieder derselben Organisation waren, des African Liberation Support Committee. Als ich in meinem Büro meine ALSC-Unterlagen sortierte, um sie an ein Archiv an der Michigan State University zu schicken, las ich zufällig die Liste der verschiedenen Ortsgruppen der Organisation aus dem Jahr 1973 durch und bemerkte, vielleicht zum ersten Mal, dass die Ortsgruppe in Grenada von Bishop geleitet wurde – eine Liste, in der auch die Ortsgruppe in Minnesota aufgeführt ist, mit mir als einem der beiden Ansprechpartner.

Im Vorwort zu Ihrem neuen Buch schreiben Sie, dass Sie Ihre ursprüngliche Rezension im Grunde vergessen hatten, bis Black Marxism 2017 durch Robin D. G. Kelley erneut Aufmerksamkeit erlangte. Wie hat sich dies auf Ihre Einschätzung von Robinsons Buch ausgewirkt?

Ja, ich war überrascht, als ich nach einer umfangreichen Suche in Google Scholar erfuhr, wie einflussreich Robinsons Buch geworden war – worauf auch Kelleys Artikel in der Boston Review von 2017 einging. Ich konnte mein Exemplar von 1984 nicht finden und musste es über die Fernleihe beschaffen. Später fand ich das Exemplar zusammen mit der dazugehörigen Korrespondenz.

Noch überraschender waren all die Lobeshymnen, die Robinson zuteilwurden, angesichts meiner weitgehend negativen Reaktion. Das erklärte, so vermutete ich bald, warum es mir größtenteils nicht gelang, meine erste Rezension neu zu veröffentlichen – ich lief an gegen die nun vorherrschende Orthodoxie bezüglich des Buches. Abgesehen von einer brasilianischen Neuauflage, dem Hochladen auf die Academia-Website und einem Black Politics-Podcast, hatte ich wenig Erfolg dabei, die Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was, wie mir allmählich klar wurde, tatsächlich die erste ausführliche Auseinandersetzung mit Robinsons mittlerweile hochgelobtem Buch war. 

»Als die Sklavenoligarchie 1861 auf Fort Sumter feuerte und damit den Bürgerkrieg begann, ließ Marx fast alles stehen und liegen, um den Sieg der Union zu unterstützen.«

Erst Trumps Wiederwahl überzeugte mich davon, eine kleine Kampagne zu starten, um die Rezension von 1984 zusammen mit anderen Texten, die ich verfasst habe, und einer neuen Rezension von Black Marxism neu zu veröffentlichen. Daher bin ich Michael Yates, dem damaligen Redakteur von der Monthly Review Press, auf ewig zu Dank verpflichtet, dass er dies ermöglicht hat.

Seit Trumps Amtseinführung im Januar 2025 ist die Welt ein gefährlicherer Ort. Sie ähnelt zunehmend der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, einem Flächenbrand – dem blutigsten, den die Welt je gesehen hatte –, der durch kapitalistische Gier ausgelöst wurde. Was Lenin im zweiten Kriegsjahr so überzeugend darlegte – in seinem meisterhaften Werk Der Imperialismus [als höchstes Stadium des Kapitalismus]. Und dass es gerade Trump ist, der den Vorstoß anführt – nackte kapitalistische Gier, anders als die Monarchen von 1914, der authentischste Kapitalist, der jemals das Weiße Haus bewohnt hat –, könnte nicht aufschlussreicher sein.

Zollkriege und andere Wirtschaftskriege können zu bewaffneten Konflikten eskalieren, wie der Erste Weltkrieg gezeigt hat. Doch kapitalistische Kriege, so argumentierten Marx, Engels und Lenin, seien nicht unvermeidlich, sofern die Arbeiterklassen die Macht übernehmen. Darin liegt die Gefahr von Robinsons einflussreichem Buch, welches das Proletariat – entgegen Marx – bewusst außer Acht lässt.

Es gibt nur eine Kraft auf diesem Planeten, die verhindern kann, dass die tödlichsten Waffen der Geschichte eingesetzt werden, um den Dritten Weltkrieg auszulösen und damit das wahrscheinliche Ende unserer Spezies, wie wir sie kennen, herbeizuführen – nämlich das US-Proletariat. Gerade weil Robinson die US-amerikanische Arbeiterklasse außer Acht ließ und Politik durch die Brille der Hautfarbe betrachtete, ist seine unpolitische Perspektive das Letzte, was die Menschheit in diesem Moment braucht. Nur wenn sich die US-Arbeiterklasse in all ihren Identitäten vereint und eine revolutionäre Arbeiterpartei aufbaut, kann der Rest der Welt sicher sein, dass der unvermeidliche Marsch des Kapitals in den Dritten Weltkrieg nicht stattfinden wird.

Mein Buch ist ein bewusster Beitrag, um diesen Prozess zu unterstützen und voranzutreiben. Robinsons einflussreiche Thesen in Frage zu stellen, ist eine unverzichtbare Aufgabe in dieser Kampagne.

Angesichts der anderen Aufsätze in Ihrem Buch, insbesondere des Aufsatzes aus dem Jahr 2002 über den Vorwurf des Eurozentrismus in Bezug auf Marx’ Projekt, scheint es, als beschäftige Sie Robinson schon seit geraumer Zeit. Trifft das zu? 

Da stimme ich zu, sowohl bewusst als auch unbewusst. Als ich die Recherche und das Schreiben meines Marx-Engels-Buches aus dem Jahr 2000, Marx and Engels: Their Contribution to the Democratic Breakthrough, abgeschlossen hatte, wusste ich weitaus mehr über ihr Projekt als noch 1984. Robinsons Vorwurf des Eurozentrismus hatte mich während des gesamten Prozesses beschäftigt, und ich habe in den endgültigen Text die Belege aufgenommen, um ihn zu widerlegen. Als sich mir die Gelegenheit bot, die Details in einem separaten Aufsatz herauszuarbeiten, habe ich diese Chance sofort ergriffen – so entstand der Aufsatz »The Eurocentric Marx and Engels and Other Related Myths« in einem Sammelband der Cambridge University Press von 2002.

Der meiner Meinung nach überzeugendste Beweis zur Widerlegung dieses Vorwurfs war die detaillierte Aufmerksamkeit, die Marx und Engels der Russischen Frage widmeten – einer Welt jenseits »der kleinen Ecke« des Globus, wie Marx Großbritannien und Westeuropa einmal sarkastisch bezeichnet hatte. Ich sollte sagen, dass im Allgemeinen die gesamte Welt das Wirkungsfeld von Marx und Engels war, wie die Belege ganz deutlich machten.

»Von 1979 bis 1989 war die Weltpolitik von revolutionären Umwälzungen und Siegen geprägt: Grenada, Nicaragua, Iran, Simbabwe, Angola. Nichts in Robinsons Buch, welches sich hauptsächlich mit einer zeitlosen und klassenlosen ›Schwarzen Welt‹ befasste, half den Lesern, diesen Moment zu verstehen.«

Im Laufe der Zeit lernte ich auch eine andere Welt jenseits Europas kennen, der sie besondere Bedeutung beimaßen: »Nordamerika«, wie sie es nannten. Ich bin der Ansicht, dass die Erfahrungen in den USA eine wesentliche Rolle auf Marx’ Weg zum Kommunismus spielten – eine der zentralen Thesen meines 2003 erschienenen Buches Marx, Tocqueville and Race in America

Doch gerade Marx’ Reaktion auf den Bürgerkrieg bewies – entgegen den Implikationen von Robinsons Eurozentrismus-Vorwurf –, dass seine europäische Herkunft ihn in keiner Weise daran hinderte, die Unruhen auf der anderen Seite des Atlantiks fachkundig zu deuten und somit wirksam zu handeln, um auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen – nämlich bei der Befreiung der Menschen afrikanischer Herkunft aus den Fesseln der Sklaverei. Ginge man Robinson Glauben, hätte das, was Marx tat, unmöglich sein müssen. Ein Europäer?

Ich möchte damit sagen, dass es meine nicht ganz so versteckte Absicht in Bezug auf Marx ist, ihn – wie ich manchmal halb im Scherz sage – aus der Umklammerung der manchmal wohlmeinenden politischen Philosophen zu befreien und ihn in die Welt zurückzubringen, der er sich 1843 bewusst angeschlossen hatte: die Welt der Politik. Alle meine Schriften konzentrieren sich auf sein Handeln und betrachten seine Schriften als politischen Akt zur Förderung der Sache des Proletariats. Genau das tut mein Buch aus dem Jahr 2000, das nach wie vor die einzige abhandlungslange Auseinandersetzung mit Marx als politischem Aktivisten ist.

Es ist erwähnenswert, dass ich nicht als politischer Theoretiker, sondern als politischer Komparatist ausgebildet wurde, was auch meinen Ansatz gegenüber Marx prägt, von dem ich behaupte, dass er bereits seit seiner allerersten Veröffentlichung eine komparatistische Sensibilität besaß. Man beachte, wie er vergleichende Rechtswissenschaft betrieb, indem er Pressenzensurgesetze in verschiedenen Ländern verglich, um Schlussfolgerungen zu ziehen – was ihn bald dazu motivierte, Hegel in Bezug auf den Staat zu kritisieren. 

Dieser vergleichende Ansatz prägt auch Ihr 2024 erschienenes Buch über Karl Marx und Frederick Douglass, The Communist and the Revolutionary Liberal in the Second American Revolution, dessen Anhang in Ihrem neuen Buch abgedruckt ist. Hat dieses Kapitel Ihre neue Einschätzung von Robinson beeinflusst? 

In der Tat! Das Buch von 2024 ist ein weiteres Beispiel dafür, wie Robinson all die Jahre unbewusst in meinen Gedanken präsent war. Obwohl ich ihn in dem daraus entstandenen Buch nicht erwähnt habe, motivierte mich Robinsons Vorwurf des Eurozentrismus, wie bereits erwähnt, zu meiner ersten Auseinandersetzung mit Marx’ Schriften zum Bürgerkrieg. Rückblickend nahm mein Buch Marx, Tocqueville, Race aus dem Jahr 2003 meinen Marx-Douglass-Vergleich von 2024 bereits vorweg. 

Auch hier gilt: Ich bin als Komparatist ausgebildet worden, nicht als Theoretiker. Diese Tatsache zeigt sich in meinem Buch über Marx und Engels aus dem Jahr 2000, in dem ich ein Kapitel dem Vergleich der Handlungen von Marx und Engels auf der einen Seite der Revolutionen von 1848–1849 und Alexis de Tocqueville auf der anderen Seite gewidmet habe. Vergleiche anzustellen ist wohl die beste Methode, die wir in den Sozialwissenschaften haben, um Hypothesen zu überprüfen. 

Um meine Behauptung zu untermauern, dass Marx und Engels mehr als jede andere Persönlichkeit zum demokratischen Durchbruch im 19. Jahrhundert beigetragen haben, war ein gewisses Maß an Vergleich erforderlich, so minimal es auch sein mochte. Tocqueville war der beste Kandidat für jemanden auf der anderen Seite des politischen Spektrums. Die Beweislage zeigte, dass die beiden Kommunisten über bessere demokratische Referenzen verfügten als der berühmte Autor von Über die Demokratie in Amerika.

»Ich gehöre zu den wenigen noch lebenden Menschen, die an diesen Debatten teilgenommen haben und deren historische und politische Bedeutung erkennen. Ich würde meine politische Verantwortung vernachlässigen, wenn ich nicht mit diesem Buch den Beitrag leisten würde, den ich mir vorgenommen habe.«

In meinem 2019 erschienenen Buch Marxismus versus Liberalismus habe ich dasselbe in Bezug auf Marx und John Stuart Mill während des amerikanischen Bürgerkriegs getan; auch hier waren Marx’ demokratische Verdienste denen von Mill überlegen. Doch Mill war, wie jemand anmerkte, niemals der Aktivist, der Marx war, und somit verglich ich Äpfel mit Birnen. Als mein ehemaliger Student Kyle Edwards mit Fragen zum Abolitionisten Frederick Douglass und dessen Vergleich mit Marx auf mich zukam, ging mir ein Licht auf. 

Das Ergebnis war ein 417-seitiges Buch, das wir gemeinsam verfassten. Wir stellten fest, dass Marx’ demokratische Verdienste während der vier Jahre des Bürgerkriegs ebenso gut waren wie die von Douglass. Später erfuhren wir, dass sie denen des mittlerweile ehemaligen Abolitionisten sogar überlegen waren. Der Grund dafür ist, dass für Marx – anders als für Douglass – die Beendigung der Sklaverei eher ein Mittel zum Zweck als ein Selbstzweck war. Warum? Um zum ersten Mal in Amerika ein erbliches Proletariat ins Leben zu rufen – die einzige Klasse, die nicht nur ein Klasseninteresse an echter Demokratie hat, sondern auch die Fähigkeit besitzt, deren Verwirklichung sicherzustellen. 

Und als die US-Arbeiterklasse nach dem Bürgerkrieg zum ersten Mal über »Rassengrenzen« hinweg in Bewegung kam, so wie Marx es vorausgesagt hatte, war Douglass nicht zur Stelle und unterstützte den Streik nicht wirklich. Seine liberale Verteidigung des Privateigentums hatte Vorrang vor allem, was den Aufstieg der Arbeiterklasse hätte bewirken können, mit anderen Worten: echte Demokratie. 

Ich ahnte nicht, dass Robinson, als er sein Buch von 1983 im Jahr 2000 neu auflegte, ein neues Vorwort verfasste, in dem er seine antimarxistischen Vorwürfe noch verschärfte und hinzufügte, Marx habe die Frage der Sklaverei in Amerika ignoriert und habe keinerlei Bezug zum Abolitionismus gehabt. Erst nachdem wir das Marx-Douglass-Buch fertiggestellt hatten, stieß ich auf Robinsons Vorwürfe. Behauptungen, könnte man sagen, die mir direkt in den Schoß fielen. 

Der Grund: Wir hatten gerade in unserem Buch die Beweise geliefert, die diese Vorwürfe gründlich widerlegten. Als die Sklavenoligarchie 1861 auf Fort Sumter feuerte und damit den Bürgerkrieg begann, ließ Marx fast alles stehen und liegen, um den Sieg der Union zu unterstützen. Das war einer der Gründe, warum sein Hauptwerk, Das Kapital, nie vollendet wurde. Mit anderen Worten: Das Buch von 2024 ermöglichte es mir, Black Marxism weitaus fundierter zu kritisieren, als dies vierzig Jahre zuvor möglich gewesen wäre. 

Sie sagten vorhin, das größte Problem an Robinsons Buch sei seine politische Unzulänglichkeit. Könnten Sie das näher erläutern?

Als Robinson sein Buch schrieb, dessen Untertitel The Black Radical Tradition darauf hindeutete, dass es um die revolutionäre Erfahrung der Schwarzen gehen würde, spielte sich ein solches Beispiel gerade in Echtzeit auf der karibischen Insel Grenada ab, und er ignorierte es – für mich ein Prima-facie-Beweis dafür, dass das Buch von geringem politischem Wert war. Das ist meiner Meinung nach auch der Grund, warum es mehr als ein Jahrzehnt lang weitgehend ignoriert wurde. 

Von 1979 bis 1989 war die Weltpolitik von revolutionären Umwälzungen und Siegen geprägt: Grenada, Nicaragua, Iran, Simbabwe, Angola. Nichts in Robinsons Buch, welches sich hauptsächlich mit einer zeitlosen und klassenlosen »Schwarzen Welt« befasste, half den Lesern, diesen Moment zu verstehen. Erst später, als ich mich erneut mit Robinson beschäftigte, wurde mir klar, warum die Revolution in Grenada ignoriert wurde: Sie war marxistisch inspiriert. Die Konvergenz der Black radical tradition mit dem Marxismus war für Robinson, den kulturellen Nationalisten, eine unbequeme Tatsache.

Das erklärt auch, warum in Black Marxism noch jemand fehlt: Malcolm X. Das war mir 1984 tatsächlich entgangen. Der Schwarze Nationalist befand sich im letzten Jahr seines Lebens ganz öffentlich auf einem Kurs der Annäherung an die US-amerikanische Socialist Workers Party, eine überwiegend weiße marxistische Organisation. 

Robinson, der Malcolm X 1963 einmal an der University of California in Berkeley zu Gast hatte, wusste zweifellos von dieser Zusammenarbeit. Für ihn eine weitere unbequeme Tatsache und somit das unverzeihliche Fehlen von Malcolm X in einem Buch, das vorgab, sich mit der Black radical tradition zu befassen. Genauso wichtig wie Malcolm X war der Schwarze Revolutionär Robert F. Williams, der Malcolm X prägte und den Robinson ebenfalls einmal als Redner nach Berkeley eingeladen hatte.

»Robinson und ich, beide Afroamerikaner, gehören derselben Altersgruppe an und wurden beide in unterschiedlichem Maße von der politischen Welt jener Zeit geprägt, insbesondere von den Entwicklungen, die Afroamerikaner betrafen.«

Wie Malcolm arbeitete auch Williams – und das ist kein Zufall – mit der SWP zusammen, und das ist meiner Meinung nach der Grund, warum er in Black Marxism fehlt; eine weitere unbequeme Tatsache für einen kulturellen Nationalisten wie Robinson. 

Des Weiteren hatte sich, als Robinson sein Buch im Jahr 2000 neu auflegte, ein weiterer Meilenstein in der revolutionären Schwarzen Politik ereignet: die Präsidentschaft von Thomas Sankara in Burkina Faso zwischen 1983 und 1987. Doch Sankaras Name fehlt in Robinsons Einleitung aus dem Jahr 2000. Der Grund? Sankara war, wie Bishop, ein unerschrockener Marxist – und damit für Robinsons Pantheon Black radicals ungeeignet. 

Es ist kein Zufall, dass es die US-amerikanische Socialist Workers Party ist, die bis heute die Reden dieser drei Schwarzen Persönlichkeiten im Druck hält – etwas, das jemand, der sich als Verfechter der Black radical tradition bezeichnete, hätte begrüßen müssen. Doch bei Robinson war dies nicht der Fall. 

Was die Beispiele von Malcolm X, Maurice Bishop und Thomas Sankara alle bezeugen, ist das Potenzial für eine Annäherung des revolutionären Schwarzen Nationalismus an den Marxismus – den authentischen Marxismus, wohlgemerkt. Die mehr als ein Jahrzehnt andauernde Debatte über die Vorzüge des Marxismus gegenüber dem Nationalismus wurde hier in der Praxis beantwortet, was Robinson jedoch nicht anerkennen wollte.

Ich möchte den zuvor gemachten Punkt noch einmal betonen: Die einzige Kraft auf diesem Planeten, die gewährleisten kann, dass die Massenvernichtungswaffen, die sich derzeit in den Händen der herrschenden Klasse der USA befinden, nicht im unvermeidlichen Vormarsch des Kapitals in Richtung des Dritten Weltkriegs und damit dem wahrscheinlichen Ende unserer Spezies, wie wir sie kennen, eingesetzt werden, ist das US-Proletariat. 

Daher ist es so wichtig, eine Antwort auf die Frage nach »Rasse« und Klasse zu finden und die Einheit der Arbeiterklasse in den USA zu schmieden. Insbesondere das Beispiel von Malcolm X zeigt, dass es tatsächlich eine Lösung für dieses historische Dilemma der Einheit der Arbeiterklasse in den USA gibt – jenem Ort, an dem über die Zukunft unserer Spezies entschieden wird.

Robinsons Buch ist ein Hindernis für Klarheit in dieser Frage. Ich tue daher alles in meiner Macht Stehende, um seine Behauptungen zu widerlegen. Es steht zu viel auf dem Spiel, um dies nicht zu tun. Darin liegt der Grund für mein Buch, denn ich gehöre zu den wenigen noch lebenden Menschen, die an diesen Debatten teilgenommen haben und deren historische und politische Bedeutung erkennen. Ich würde meine politische Verantwortung vernachlässigen, wenn ich nicht mit diesem Buch den Beitrag leisten würde, den ich mir vorgenommen habe. 

Zu guter Letzt möchte ich Sie auf Ihre, wie Sie es nennen, »glückliche« Biografie, mit der das Buch beginnt. Inwiefern hat Ihr Aufwachsen in New Orleans Ihre politische Haltung geprägt und letztlich Ihre kritische Lektüre von Robinson beeinflusst, und warum haben Sie dies in das Buch aufgenommen?

Ja, meine sozialwissenschaftliche und komparatistische Sensibilität kommt in diesem Kapitel voll zur Geltung. Angesichts der vielen Ähnlichkeiten zwischen meinem und Robinsons Hintergrund ging ich davon aus, dass sich viele Leser meiner Kritik an Black Marxism fragen würden, wie sich die tiefgreifenden Unterschiede zwischen uns beiden erklären lassen. 

Insbesondere angesichts des fast heiligen Status, den das Buch mittlerweile erlangt hat – einen Status, den ich nun in Frage stelle. »Wer bist du, dass du das tust?«, könnten sie fragen. Ein interessantes Rätsel, wie wir in der akademischen Welt manchmal sagen, das einer Erklärung bedarf. 

Ein Vergleich unserer Hintergründe könnte eine solche bieten. Robinsons Biografie, die in Robin D. G. Kelleys Vorwort zur Neuauflage von 2000 ausführlich beschrieben wird, ist der Öffentlichkeit zugänglich; meine hingegen nicht – zumindest nicht in einer Fassung, die ich für den Vergleich selbst zusammenstellen konnte – und genau das ist das Ziel des ersten Kapitels.

»Robinson konnte sich ein ideales Afrika nach der Unabhängigkeit vorstellen. Tansania zeigte mir zumindest, dass Unabhängigkeit nicht ausreichte, um soziale Gleichheit in Afrika herbeizuführen.«

Robinson und ich, beide Afroamerikaner, gehören derselben Altersgruppe an und wurden beide in unterschiedlichem Maße von der politischen Welt jener Zeit geprägt, insbesondere von den Entwicklungen, die Afroamerikaner betrafen. Wir schlossen beide im Frühjahr 1963 unser Studium ab, begannen etwa zur gleichen Zeit ein Aufbaustudium, lasen teilweise dieselbe Literatur, erwarben unseren Doktortitel in Politikwissenschaft und veröffentlichten 1980 unsere ersten Bücher. 

Dennoch glaube ich, dass New Orleans, wo ich aufgewachsen bin, mit all seinen von mir beschriebenen Komplexitäten in Bezug auf »Rasse«, Hautfarbe und Klasse in meinem Fall ausschlaggebend war und sich so sehr von den beiden Welten unterschied, die Robinson geprägt haben, nämlich Oakland, Kalifornien, wo er aufwuchs und Alabama, von wo seine Familie kam. 

Insbesondere Oakland unterschied sich in Bezug auf die »Schwarze Frage« deutlich von New Orleans, wie meine Schwarzen Verwandten, die Anfang der 1950er Jahre dorthin gezogen waren, bezeugten. Das Aufwachsen in der »Crescent City« lehrte mich, dass die Schwarz-Weiß-Unterscheidung nicht ausreichte, um die soziale Realität zu verstehen, und dass Klassenunterschiede ebenfalls eine Rolle spielten. Die Welt der Schwarzen in New Orleans war weitaus größer und komplexer als die, die Robinson geprägt hat. Sie lehrte mich daher schon in jungen Jahren, dass es nicht nur eine einzige solche Welt gab. Mit anderen Worten: Die Stadt bereitete mich darauf vor, offen für die Schnittstelle von »Rasse« und Klasse zu sein, als sich mir zum ersten Mal die Gelegenheit zur Untersuchung bot. 

Sowohl Robinson als auch ich besuchten Afrika im Zuge unserer akademischen Ausbildung. Er im Jahr 1962 im Grunde als Praktikant während der Sommerpause seines Bachelorstudiums; ich von 1969 bis 1970 für anderthalb Jahre als Doktorand, um für meine Dissertation zu forschen. Ich behaupte, dass diese beiden Besuche für unseren politischen Werdegang besonders entscheidend waren. Der Hauptgrund dafür war, wohin wir zufällig reisten. Robinson ins koloniale Afrika, in das damalige Südrhodesien, während ich das Glück hatte, nach Tansania zu reisen, das zu diesem Zeitpunkt bereits seit fast einem Jahrzehnt unabhängig war und zudem das Zentrum der südafrikanischen Befreiungsbewegungen war. 

Wie ich in dem Kapitel darlege, konnte ich mit eigenen Augen bestätigen, was Frantz Fanon in seiner Kritik am postkolonialen Afrika, Die Verdammten dieser Erde – ein Buch, das viele von uns aus jener Generation pflichtbewusst gelesen hatten – argumentierte: nämlich die Ablösung einer europäischen Kolonialklasse in Afrika durch eine aufstrebende, einheimische Bourgeoisie – und mit all den negativen Folgen, die diese Entwicklung mit sich brachte und mit denen wir tragischerweise bis heute leben müssen.

Fanons Buch spielte, das sei angemerkt, eine bedeutende Rolle in den Debatten zwischen kulturellen Nationalisten auf der einen Seite und revolutionären Nationalisten auf der anderen Seite. Bobby Seale, einer der Gründer der Black Panther Party und im Zentrum der Debatte um »race versus class«, als diese zum ersten Mal ausbrach, bestätigte mir 1980 in einem Gespräch, dass das Buch Pflichtlektüre für die Organisation war – und die klassenorientierte Position der Black Panther Party in dieser Debatte prägte. 

Unsere beiden unterschiedlichen Reiseziele in Afrika waren also wirklich ausschlaggebend. Robinson konnte sich ein ideales Afrika nach der Unabhängigkeit vorstellen. Tansania zeigte mir zumindest, dass Unabhängigkeit nicht ausreichte, um soziale Gleichheit in Afrika herbeizuführen. Und wenn Tansania das Beste zu sein schien, was die afrikanische Unabhängigkeit zu bieten hatte, dann war etwas Grundlegenderes und Radikaleres erforderlich, um dieses Ziel zu erreichen. Dass es in Tansania eine lebhafte Debatte genau zu diesem Thema gab, an der Menschen teilnahmen, die mich beeindruckten – nicht zuletzt Walter Rodney, mein Nachbar und ein weiterer Gleichaltriger –, war ebenfalls mein Glück. Deshalb sage ich manchmal, dass ich als Schwarzer Nationalist/ Panafrikanist nach Afrika ging und auf der Suche nach dem Kommunismus wieder abreiste.

»Ich behaupte, dass das, was ich gefunden und beschrieben habe, repräsentativer für das wahre Afrika war als Robinsons größtenteils klassenloses, unpolitisches und ahistorisches Porträt Afrikas.«

Vielleicht war 1983, als Black Marxism erschien, noch zu früh für Robinson, um sich eine fundierte Meinung über die Realität der Unabhängigkeit in Simbabwe zu bilden. Im Jahr 2000 jedoch, als das Buch neu aufgelegt wurde, hätte er es besser wissen müssen. Sein Schweigen damals über die tragische Lage in Simbabwe sprach Bände – eine unbequeme Tatsache über die Black radical tradition.

Etwas, das ich in meinem biografischen Kapitel nicht erwähnt habe und worüber ich erst später nachdachte, ist die enorme epistemologische Kluft zwischen Robinsons und meinem ersten Buch, die beide 1980 erschienen – und die unsere unterschiedlichen Afrika-Erfahrungen widerspiegelt. Mein Islam and Politics in East Africa: The Sufi Order in Tanzania und sein Terms of Order: Political Science and the Myth of Leadership. Die beiden Bücher spiegelten unsere unterschiedliche Ausbildung im Graduiertenstudium wider: er, vor allem als Politologe, ich als Komparatist. 

Terms of Order bewegt sich fast ausschließlich auf der Ebene von Ideen in Büchern; Islam and Politics ist empirisch fundiert und basiert auf eigener Feldforschung. Während Ersteres argumentiert, dass Politik hauptsächlich eine westliche Ordnung der Welt sei und in traditionellen afrikanischen Gesellschaften fehle, veranschaulicht Letzteres, dass Politik – der Kampf um Macht – sowohl im vorkolonialen, kolonialen als auch im postkolonialen Afrika existierte, begleitet vom Streben nach Herrschaft, entgegen Robinsons Auffassung. Letzteres stand tatsächlich im Mittelpunkt meines Buches, nämlich wie der Islam von einem religiösen Führer eingesetzt wurde, um die Interessen der ehemals Versklavten durch modernes politisches Handeln voranzubringen. 

Wenn man Robinson Glauben schenken darf, wäre die Realität, die ich entdeckt und beschrieben habe, die Ausnahme von Afrikas »metaphysischer« – wie er es nannte – Realität. Ich behaupte, dass das, was ich gefunden und beschrieben habe, repräsentativer für das wahre Afrika war als Robinsons größtenteils klassenloses, unpolitisches und ahistorisches Porträt Afrikas. Ohne näher ins Detail zu gehen, genügt es zu sagen, dass unsere beiden Bücher die sehr unterschiedlichen politischen Wege vorwegnahmen, die wir einschlagen würden.

So einflussreich mein Hintergrund und meine akademische Ausbildung für meine politische Ausrichtung auch gewesen sein mögen, beende ich das Kapitel mit einem Hinweis auf das Glück, das ich immer wieder hatte, und widme das Buch »der sich radikalisierenden Jugend überall auf der Suche nach dem wahren Marx«.

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