Was Die Linke von Zohran Mamdanis Kommunikation lernen kann
Seit Zohran Mamdani die Bürgermeisterwahl in New York gewonnen hat, steht er im Fokus internationaler Medien. Ein Grund für seinen Erfolg wird seiner exzellenten politischen Kommunikation im Wahlkampf zugeschrieben. Mit kurzen Videos, zugänglicher Sprache und einer starken Präsenz in sozialen Medien gelang es ihm, seine politischen Botschaften mit konkreten Alltagserfahrungen zu verbinden.
Doch Mamdanis Kommunikationsstrategie entstand nicht erst im Bürgermeisterwahlkampf. Schon bevor er ins Rathaus einzog, war er gewähltes Mitglied der New York State Assembly, mit Emily Lemmerman als Kommunikationsdirektorin an seiner Seite.
Im Interview mit Jacobin spricht sie über zentrale Kampagnen aus dieser Zeit, die Besonderheiten seines Kommunikationsstils – insbesondere im Umgang mit persönlichen Angriffen und Kritik – und darüber, was Linke davon lernen könnten.
Du warst Mamdanis Kommunikationsdirektorin, als er noch Mitglied der New York State Assembly war. Was waren seine wichtigsten Projekte in dieser Zeit?
Ich denke, eine Sache, die er als Abgeordneter wirklich gut gemacht hat, war, legislative Kampagnen zu entwickeln, die Themen aufgegriffen haben, die für gewöhnliche Menschen relevant sind – die andere Politikerinnen und Politiker der Demokratischen Partei aber nicht unbedingt im Blick hatten oder angesprochen haben.
Ein Beispiel dafür ist die von ihm initiierte und geleitete »Fix the MTA«-Kampagne. Die MTA, die Metropolitan Transportation Authority, ist die staatliche Verkehrsgesellschaft, die den öffentlichen Personennahverkehr in und um New York City betreibt. Als sie 2021 in eine Haushaltskrise geriet, bestand die Lösung der Gouverneurin in einer Erhöhung der Gebühren. Die »Fix the MTA«-Kampagne forderte und erreichte nicht nur eine Reduzierung der geplanten Gebührenerhöhung, sondern setzte sich auch für eine höhere Taktfrequenz im Nahverkehr und kostenlose Busse ein.
»Das US-Wahlsystem ist sehr stark auf Individuen ausgerichtet. Das fördert allerdings nicht unbedingt die Idee, die wir als Sozialistinnen und Sozialisten vertreten: Dass soziale Bewegungen und die Masse der Menschen notwendig sind, um Dinge zu verändern.«
Eine andere Kampagne war »Not On Our Dime«. Sie beinhaltete einen Gesetzentwurf, der im Wesentlichen verhindern sollte, dass steuerlich absetzbare Spenden an die IDF oder an Siedlungen fließen, die nach internationalem Recht illegal sind. Auch wenn der Gesetzentwurf nicht erfolgreich war, glaube ich, dass er einen wichtigen symbolischen Charakter hatte und dazu diente, Menschen zu organisieren.
Bei diesen beiden Gesetzesinitiativen und auch bei unseren anderen Kampagnen verfolgten wir einen Organizing-Ansatz. Es ging darum, möglichst viele Menschen, die von den jeweiligen Problemen betroffen waren, zu mobilisieren und zu aktivieren. Zohran war ein Vorreiter beim sogenannten Online-to-Offline-Organizing.
Um ein Beispiel zu nennen: Viele New Yorkerinnen und New Yorker scrollen in den sozialen Medien, während sie auf die U-Bahn warten. Wir produzierten Videos unter dem Motto: »Deine U-Bahn sollte schon hier sein.« Die Leute dachten: »Ja, mein Zug sollte jetzt eigentlich schon da sein.« Gleichzeitig enthielten die Videos immer eine konkrete Handlungsoption – zum Beispiel, einem Abgeordneten zu schreiben.
Das Besondere daran war, dass Menschen in der ganzen Stadt dazu gebracht wurden, ihren eigenen gewählten Vertretern zu schreiben und ihnen die Bedeutung eines Gesetzes zu verdeutlichen. Das ist etwas, was die meisten Abgeordneten wahrscheinlich nie in Betracht ziehen würden.
»Zohran kommuniziert extrem gut und klar mit seinen Wählenden über die Dinge, die er tut, und über Themen, die den Menschen am Herzen liegen.«
Es gab auch mehrere Mitmach-Aktionen, bei denen wir mit vielen Freiwilligen zu den wichtigsten Umsteigepunkten der Stadt gegangen sind und mit Menschen auf den Bahnsteigen ins Gespräch gekommen sind.
Warum gerade der Organizing-Ansatz?
Das hat viel mit seiner Mitgliedschaft in der DSA, den Democratic Socialists of America, zu tun. Der Organizing-Ansatz ist sicherlich nicht der schnellste Weg, Dinge zu erledigen. Aber wir denken, dass die meisten Menschen heute desorganisiert sind. Unser Ziel ist es, Menschen, die einfach nur auf ihren Handys sitzen, dazu zu bringen, politisch aktiv zu werden.
Welche Rolle spielte die DSA für Mamdanis politischen Aufstieg?
Er hat sich als Mitglied der DSA einen Namen gemacht und wurde von anderen DSA-Mitgliedern für seine Kandidatur rekrutiert. Sein Wahlkampf wurde von DSA-Mitgliedern geleitet und personell unterstützt. Er war außerdem sehr stark in das organisatorische Leben der DSA eingebunden.
Es gab viel Koordination mit der DSA, die auch an einem Großteil seiner Kampagnen als Bündnispartner beteiligt war.
Wir bei der DSA haben uns strategisch dafür entschieden, Kandidatinnen und Kandidaten auf Landesebene zu unterstützen, weil dort viele Entscheidungen über den Haushalt getroffen werden und die Abgeordneten oftmals weitestgehend unbekannt sind.
Was unterscheidet politische Kommunikation im US-amerikanischen System grundlegend von der in Deutschland?
Es ist natürlich ein Vorteil, dass Zohran sehr fotogen, extrem charismatisch und lustig ist. Für die DSA ist es großartig, dass er ein politisches Ausnahmetalent ist.
Das US-Wahlsystem ist sehr stark auf Individuen ausgerichtet. Das fördert allerdings nicht unbedingt die Idee, die wir als Sozialistinnen und Sozialisten vertreten: Dass soziale Bewegungen und die Masse der Menschen notwendig sind, um Dinge zu verändern.
Es geht um das, was Bernie Sanders in seiner Kampagne gesagt hat: »Nicht ich, sondern wir.«
Was unterscheidet Mamdanis Kommunikationsstrategie von der anderer demokratischer Kandidaten?
Ich denke, was Zohran und sein Team auszeichnet, ist, dass sie gnadenlos effektiv sind. Wir müssen als Sozialistinnen nicht nur regieren, sondern besser regieren. Dafür müssen wir effektiv sein.
Zohran kommuniziert extrem gut und klar mit seinen Wählenden über die Dinge, die er tut, und über Themen, die den Menschen am Herzen liegen. Das zeigt sich auch in kleinen Details. So engagierte er als einer der wenigen Abgeordneten einen Illustrator für das Design seiner Kampagne.
»Eine andere Möglichkeit, auf Kritik zu reagieren, besteht darin, einfach – wie ich bereits gesagt habe – gnadenlos effektiv zu sein.«
Seine Kommunikationsstrategie zeichnet sich außerdem dadurch aus, dass er nicht nur politische Inhalte vermittelt, sondern auch nützliche Informationen bereitstellt – zum Beispiel, wo es kostenlose COVID-Tests gibt oder dass heute der letzte Tag ist, um sein Kind für den Kindergarten anzumelden.
Mamdani war wiederholt Ziel von Schmähkampagnen und persönlichen Angriffen. Donald Trump bezeichnete ihn als »100% Communist Lunatic«. Wegen seiner kritischen Haltung gegenüber der israelischen Regierung und seiner Unterstützung der BDS-Kampagne wurde er zudem wiederholt als antisemitisch bezeichnet. Wie ist er mit solchen Angriffen umgegangen?
Zohran bekam regelmäßig islamfeindliche Hassnachrichten, vor allem von Menschen, die nicht in New York City leben. Während seiner Kampagne hat er diese Nachrichten mehrfach öffentlich gemacht, unter anderem über seinen Anrufbeantworter. Er wollte damit zeigen: Das ist antimuslimischer Rassismus. So sehen Verleumdungen und Hass aus. Ich halte es für wichtig, sich klar dagegen zu wehren.
Eine andere Möglichkeit, auf Kritik zu reagieren, besteht darin, einfach – wie ich bereits gesagt habe – gnadenlos effektiv zu sein. Sie bezeichnen dich als muslimischen Sozialisten – na gut. Wenn das der Vorwurf ist, kannst du sagen: »Okay, aber ich mache meinen Job gut.«
Was die Kritik an seinem Aktivismus in der Palästina-Bewegung betrifft, haben wir nie ernsthaft darüber diskutiert, unsere Position zu verändern. Zohran war einer derjenigen, die die »Not On Our Dime«-Kampagne mitinitiiert haben. Sie forderte, Organisationen den gemeinnützigen Status abzuerkennen, wenn sie mit ihren Geldern Kriegsverbrechen und den Siedlungsbau unterstützen.
»Das Wahlsystem in Deutschland und den USA mag sich unterscheiden. Aber egal, wo man ist, halte ich es für wichtig, eine Organisation der Arbeiterklasse aufzubauen – ganz gleich, wie diese konkret aussieht.«
Selbst einige unserer DSA-Kandidatinnen und Kandidaten wollten sich dafür nicht einsetzen. Ich denke deshalb, dass Zohran jemand ist, der konsequent für das eingetreten ist, was er für richtig hielt.
Bernie Sanders hat dazu einmal einen guten Satz gesagt: »Ich habe einige einsame Stimmen abgegeben, einige einsame Kämpfe geführt, einige einsame Kampagnen gestartet. Aber jetzt fühle ich mich nicht mehr einsam.«
Solche Dinge kommen irgendwann zurück und prägen einen – wenn man prinzipientreu und konsequent ist. Wählende schätzen Menschen, die ihren Prinzipien treu bleiben.
Was könnte Die Linke in Berlin von Mamdanis Kampagne lernen?
Ich denke, der Fokus jeder Kommunikationsstrategie für jede linke Partei sollte darauf liegen, eine klar strukturierte antifaschistische Politik zu vermitteln, die viele Menschen anspricht.
Das Wahlsystem in Deutschland und den USA mag sich unterscheiden. Aber egal, wo man ist, halte ich es für wichtig, eine Organisation der Arbeiterklasse aufzubauen – ganz gleich, wie diese konkret aussieht. Man muss deutlich machen, dass die Kraft der Arbeiterbewegung, der Mieterbewegung und der Menschen, die in einer Gemeinschaft leben und organisiert sind, genau das ist, was über längere Zeit tatsächlich etwas bewirken kann.
Deshalb darf man auch nicht vergessen, Online-Videos und andere Online-Inhalte auf die Offline-Ebene zu übertragen. Es geht darum, Menschen vom Online- ins Offline-Leben zu bringen. Wie nimmt man Kontakt zu ihnen auf? Wie erreicht man sie durch Kommunikation? Und wie ermutigt man sie anschließend, aktiv zu werden, damit sie erkennen, dass ihr Handeln – in welcher Form auch immer – Teil dessen ist, was gebraucht wird?