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Trumps schwächelnder Imperialismus ist eine globale Gefahr

Die USA haben jahrzehntelang versucht, ihren Imperialismus schönzureden. Donald Trump hingegen spart sich jegliche moralische Rechtfertigung für seine Raubzüge. Während die USA schwächer werden, verhält sich ihre Führung immer dreister und gefährlicher.
Atul Kohli
Die US-Außenpolitik unter Donald Trump ist aggressiver, gewalttätiger, aber vor allem unberechenbarer geworden – und deshalb umso gefährlicher. Bild: IMAGO / ZUMA Press Wire

Um die Außenpolitik der USA unter Donald Trump zu verstehen, müssen wir sie vor dem Hintergrund längerer historischer Entwicklungen betrachten. Trump mag außen- und weltpolitische Angelegenheiten auf unberechenbare Weise angehen, doch das bedeutet nicht, dass seine Ansätze vollkommen neu wären.

Denn die Vereinigten Staaten sind seit langem eine imperialistische Macht. Zwar haben sie offiziell keine Kolonien gegründet, stattdessen aber ein informelles Imperium geschaffen, in dem unterwürfige Regierungen vor allem im Globalen Süden die konsequente Verfolgung US-amerikanischer Politik- und Wirtschaftsinteressen möglich machen.

Im Laufe der Geschichte hat sich der US-Imperialismus in drei Formen manifestiert: harter und offener Militarismus, im Geheimen geförderter Regimewechsel und multilateraler Druck. Auch der Imperialismus à la Trump folgt diesen Pfaden weitgehend. Allerdings gibt es einige wesentliche Veränderungen, insbesondere seine unverhohlene Dreistigkeit.

Militaristische Tradition

Die jüngste Intervention der USA im Iran reiht sich ein in die lange amerikanische Tradition des harten militärischen Imperialismus, die bis zu den Philippinen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zurückreicht und unter anderem Vietnam und den Irak einschließt. In den meisten dieser Fälle waren die US-Ambitionen ebenso groß wie vage.

In den Philippinen war es beispielsweise das erklärte Ziel, einen Umschlagplatz für den Handel mit China zu schaffen, sozusagen eine amerikanische Version von Hongkong. In Vietnam wurde die Invasion mit dem Ziel gerechtfertigt, Südostasien vor dem Kommunismus zu bewahren; und der Krieg im Irak sollte der Startschuss sein, um endlich Demokratie in den Nahen Osten zu bringen.

Allerdings verhalf der harte Militarismus dieser imperialen Interventionen den Vereinigten Staaten kaum dazu, ihre erklärten Ziele zu erreichen: Die USA erhielten nie wirklich Zugang zum riesigen chinesischen Markt; Vietnam wurde zwar kommunistisch, doch der Rest Südostasiens war nie ernsthaft »bedroht« und ist nach wie vor weitgehend kapitalistisch; der Irak ist heute ein Failed State, der dortige Krieg der USA hat den gesamten Nahen Osten destabilisiert.

»Warum die Vereinigten Staaten 2026 nun gegen den Iran in den Krieg zogen, bleibt ein Rätsel.«

Die armen Länder der Welt haben für diese Interventionen einen hohen Preis gezahlt, nicht nur in Form zerstörter Wirtschaften, sondern vor allem in Form von Menschenleben. Wenn man beispielsweise die toten Soldaten und die durch die jeweiligen Kriege betroffenen Zivilistinnen und Zivilisten zusammenzählt, starben während des US-Kriegs auf den Philippinen fast eine halbe Million Filipinos; etwa drei Millionen Vietnamesen kamen im Vietnamkrieg ums Leben; und vermutlich sind rund eine halbe Million Iraker während des von George W. Bush geführten »Präventivkrieges« umgekommen.

Warum die Vereinigten Staaten 2026 nun gegen den Iran in den Krieg zogen, bleibt ein Rätsel. In US-amerikanischen Geheimdienstzirkeln herrschte jedenfalls Einigkeit darüber, dass der Iran keine unmittelbare Bedrohung für die USA darstellt. Israel ist ein gewichtiger Partner in diesem Krieg, doch die Behauptung, Israels Führung habe die USA zum Angriff auf den Iran angestiftet, ist wenig überzeugend: Der Schwanz wedelt nicht mit dem Hund.

Folglich war die US-Intervention im Iran ein weiterer imperialistischer Krieg aus eigenem Antrieb. Zu den besagten hochgesteckten, aber vagen Zielen gehörten die weitgehende Zerstörung der militärischen und nuklearen Fähigkeiten des Irans (ein Präventivkrieg), Zugang zu iranischem Öl (ein Krieg aus Gier) und die vermeintliche Befreiung der Iranerinnen und Iraner aus einer theokratischen Diktatur (ein quijotischer Krieg).

Der Konflikt dauert weiter an, doch man kann bereits mutmaßen, dass die Ergebnisse sich wohl nicht wesentlich von denen der Vergangenheit unterscheiden werden. Der Iran und seine Bevölkerung werden einen hohen Preis in Form von Menschenleben und ökonomischer Verwüstung zahlen, und die Vereinigten Staaten werden ihre hochgesteckten Ziele vermutlich verfehlen.

Profitable Fehlschläge

Angesichts dieser wiederkehrenden Misserfolge bleibt die Frage, warum die Vereinigten Staaten immer wieder den Weg des militärischen Imperialismus beschreiten. Die wohlwollende Antwort, manche Fehler mache man eben mehrfach, greift kaum. Denn für eine solche Sichtweise müsste man davon ausgehen, dass es bei den Mächtigen Amerikas seit Jahrzehnten keinerlei Lernkurve gibt. Die tatsächliche Antwort ist komplexer. Und sie umfasst sowohl politische als auch wirtschaftliche Aspekte.

Die USA verfügen global über ein enormes militärisches Übergewicht. Die Versuchung, diese Macht einzusetzen, ist stets präsent, insbesondere wenn man sich von kleineren Mächten provoziert fühlt. Wie Madeline Albright, die Außenministerin unter Bill Clinton, gegenüber Colin Powell, dem damaligen Vorsitzenden der US-Stabschefs, einst anmerkte: »Was nützt uns dieses hervorragende Militär, von dem Sie ständig sprechen, wenn wir es nicht einsetzen?« Der leicht zu provozierende Trump stellt sich solche Fragen gar nicht erst. Er hat bereits gegen sieben Länder militärische Gewalt angewendet; weitere könnten folgen.

»Im Falle des Iran haben vor allem die Ölkonzerne kräftig abgesahnt: Sowohl ExxonMobil als auch die Chevron Corporation vermeldeten Rekordgewinne aufgrund der durch den Krieg bedingten höheren Ölpreise.«

Darüber hinaus können militärische Interventionen zu ökonomischen Vorteilen führen. In den Debatten über das Verfehlen erklärter Kriegsziele werden häufig die Kosten der US-Kriege hervorgehoben. Im Falle von Trumps jüngstem Militärabenteuer liegen die Schätzungen irgendwo zwischen 40 und mehr als 100 Milliarden US-Dollar. Solche Diskussionen mögen angebracht und nützlich sein, doch sie lassen oft eine zentrale Dynamik imperialer Interventionen außer Acht: Die Kosten solcher Kriege tragen die Steuerzahler und natürlich die Soldatinnen und Soldaten, während die finanziellen Vorteile einer exklusiveren und weitaus kleineren Gruppe zugutekommen.

Im Falle des Iran haben vor allem die Ölkonzerne kräftig abgesahnt: Sowohl ExxonMobil als auch die Chevron Corporation vermeldeten Rekordgewinne aufgrund der durch den Krieg bedingten höheren Ölpreise. Darüber hinaus dürfte der Verteidigungshaushalt einmal mehr erheblich steigen, wovon wiederum die Rüstungsindustrie profitiert.

Dieses Muster, wonach Interventionen im Ausland Anlass für höhere Verteidigungshaushalte bieten, hat in den USA ebenfalls eine lange Geschichte. In den ganz frühen Jahren des Kalten Krieges herrschte erhebliche Zurückhaltung, die Verteidigungsausgaben auf das von der Truman-Regierung angestrebte Niveau anzuheben. Doch der Koreakrieg setzte diesem Zaudern ein Ende, und der Haushalt schoss in die Höhe. Wie Trumans Außenminister Dean Acheson damals triumphierend bekannte: »Korea kam und rettete uns.«

Regime Change

Die Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro ist ebenfalls Teil einer langen Tradition, Herrscher im Globalen Süden, die als den US-Interessen entgegenstehend gelten, zu stürzen und durch proamerikanische Handlanger zu ersetzen. Erinnert sei hier an Mohammad Mossadegh im Iran, Jacobo Árbenz in Guatemala, Patrice Lumumba im Kongo und Salvador Allende in Chile.

Solche Regime-Change-Operationen haben nicht selten zu erheblichen ökonomischen Zugewinnen für US-Konzerne geführt, aber auch zu fragwürdigen Herrschern und wirtschaftlichen Verwerfungen in den betroffenen Ländern selbst. So löste der von den Vereinigten Staaten eingesetzte Schah Mohammad Reza Pahlavi im Iran den demokratisch gewählten Mossadegh ab, regierte autokratisch, verkaufte Öl an die Vereinigten Staaten und baute eine enge Beziehung zu US-Konzernen auf, die auf dem Tausch von Öleinnahmen gegen amerikanische Produkte, insbesondere Militärgüter, beruhte.

In Guatemala ermöglichte der Sturz von Árbenz der United Fruit Company, enteignetes Land zurückzugewinnen und Arbeits- sowie Landreformen rückgängig zu machen, wodurch eine klassische Bananenrepublik entstand. Die Ermordung Lumumbas führte zu drei Jahrzehnten ruinöser Herrschaft durch Mobutu Sese Seko im Kongo (den er in Zaire umbenannte) und bot gleichzeitig US-Unternehmen diverse Business-Chancen. Der chilenische Diktator Augusto Pinochet machte Allendes Verstaatlichung von US-Unternehmen wie Anaconda, Kennecott, ITT und Dow Chemicals rückgängig.

In diese Fußstapfen dürfte nun auch Venezuela treten. Die Absetzung Maduros war zweifellos ein effektives und präzise ausgeführtes militärisches Manöver, aber eben auch ein Akt extremer imperialistischer Hybris. Einerseits scheint die Tatsache, dass so schnell – und ohne Gewalt – eine Ersatzführung gefunden wurde, eine geringfügige Abweichung von ähnlichen Aktionen der Vergangenheit darzustellen. Andererseits dürfte die direkte Kontrolle über die Öleinnahmen Venezuelas weitergehen als bei früheren US-Interventionen in Lateinamerika oder anderen Regionen.

»Wie lässt sich dieser Wandel interpretieren? Eine Antwort könnte ganz simpel in der beteiligten Führungsriege liegen: Trump und seine Gefolgsleute sind schlichtweg keine Liberalen.«

Dieses besonders aggressive und unverfrorene Vorgehen erinnert an eine frühere Phase in der Geschichte informeller Imperien: So kontrollierte das Vereinigte Königreich die Finanzen Chinas nach den Opiumkriegen und verwaltete Ende des 19. Jahrhunderts gemeinsam mit Frankreich den Staatshaushalt Ägyptens. Wenn diese Form der finanziellen Kontrolle im 21. Jahrhundert nun erneut auftritt, markiert dies eine weitere Aushöhlung von Normen wie Souveränität und Selbstbestimmung.

Da die Vereinigten Staaten die Sanktionen gegen Venezuela jetzt lockern und US-Investitionen ins Land zurückkehren, wird die venezolanische Wirtschaft zwangsläufig wachsen. In offiziellen Kreisen und Mainstream-Medien wird dann viel darüber gesprochen werden, wie viel besser es den Menschen in Venezuela unter amerikanischer Vormundschaft doch gehe. Dabei wird vergessen und ausgeblendet, wie sehr die US-Sanktionen der venezolanischen Wirtschaft zuvor geschadet haben. Darüber hinaus dürfte der ökonomische Aufschwung in Venezuela eine stark ungleiche Wirtschaftsentwicklung mit sich bringen. Das Land wird vom unbeständigen Ölmarkt und von Ölexporten in die USA abhängig bleiben.

Hier zeigt sich eine weitere Veränderung unter Präsident Trump: Dieser machte auffallend unverblümt klar, das Ziel der Intervention sei es, US-Unternehmen Zugang zu Venezuelas Öl zu verschaffen. Hier werden keine Floskeln mehr verschwendet, man wolle das Land vor dem Kommunismus retten oder die Demokratie fördern. 

Wie lässt sich dieser Wandel interpretieren? Eine Antwort könnte ganz simpel in der beteiligten Führungsriege liegen: Trump und seine Gefolgsleute sind schlichtweg keine Liberalen. Sie glauben an die »Macht des Stärkeren« statt an internationales Recht. Sie sehen keine Notwendigkeit, ihre Raubzüge mit ideologischen Vorwänden zu rechtfertigen oder zu verschleiern.

Plausibler ist jedoch die Annahme, dass in den höchsten Ebenen des US-Staates zunehmend die Erkenntnis reift, dass die Vereinigten Staaten eine Macht im Abschwung sind. Legitimität und »Soft Power« sind Ressourcen, die echte Hegemonen schätzen. Nun könnte es durchaus sein, dass die schwächelnden Vereinigten Staaten solche Ansätze aufgeben und in Zukunft sogar noch gefährlicher werden. Denn untergehende Mächte glauben daran, sich mit Gewalt nehmen zu müssen, was sie können – ungeachtet der späteren Konsequenzen.

Multilaterale Institutionen als Druckmittel

Diese These, die USA seien heute ein schrumpfendes Imperium, steht im Einklang mit der Tatsache, dass auch der dritte imperiale Ansatz – Druck und Nötigung über multilaterale Foren – offenbar im Rückgang begriffen ist. In der jüngeren Geschichte haben die Vereinigten Staaten mit anderen westlichen Mächten zusammengearbeitet, um Länder an der Peripherie zu disziplinieren und zu unterwerfen. So waren sie beispielsweise Teil eines imperialen Bündnisses, das China in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts faktisch unter sich aufteilte.

So nahmen die USA den Niedergang der Qing-Dynastie zum Anlass, ihre »Open-Door-Politik« zu verkünden – eine Reihe von Vorschlägen, die das präferierte Rahmenwerk für Amerikas Weg zum Imperialismus wurden. Hier wurde eine Art »informelles Imperium« aufgebaut: Arme Länder konnten weiterhin eine nominelle Souveränität genießen, solange sie ihre Volkswirtschaften für die Ausbeutung durch fortgeschrittene kapitalistische Länder offenhielten.

Diesem Ansatz folgend arbeiteten die Vereinigten Staaten in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg häufig mit anderen, weniger hegemonialen kapitalistischen Mächten wie dem Vereinigten Königreich und Frankreich zusammen, um die Volkswirtschaften der Entwicklungsländer für die eigenen Interessen offen zu halten. In jüngerer Zeit nutzten die USA dann auch multilaterale Organisationen wie die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds, um Ländern des Globalen Südens, insbesondere in Lateinamerika, den Washington-Konsens aufzuzwingen. So wurde sichergestellt, dass verschuldete US-Banken keine finanziellen Verluste erlitten.

»Bislang haben die meisten US-Bürgerinnen und -Bürger ihr Land nicht als imperiale Nation betrachtet. Angesichts von Trumps offenem Imperialismus lässt sich dieses Augenverschließen, diese Heuchelei, heute aber kaum noch durchhalten.«

Diese dritte Form des US-Imperialismus scheint sich nun ihrem Ende zuzuneigen. Die Gründe dafür sind nicht schwer zu erraten. Die US-Wirtschaft ist auf globaler Ebene nicht mehr wettbewerbsfähig. Der Freihandelsimperialismus zahlt sich nicht mehr aus. Trumps Zölle und offen militärisch-imperiale Interventionen sind beides Anzeichen für diese neue globale Realität. Die Vereinigten Staaten mögen Länder wie Venezuela bis heute gewaltsam für den internationalen Handel und Investitionen öffnen – doch dann müssen sie häufig mit ansehen, wie chinesische statt US-Firmen in diese Märkte vordringen.

Auch auf politischer Ebene ist die strauchelnde Hegemonialmacht nicht mehr in der Lage, multilaterale Organisationen nach ihrem Willen zu lenken. Ebenso wenig kann sie kleinere Mächte ohne Weiteres dazu überreden, sich imperialen Abenteuern anzuschließen. Das gilt insbesondere, wenn die US-Führung solche anderen Staaten mit offener Verachtung behandelt. Man denke nur daran, wie wenige europäische Länder sich bereit erklären, die USA bei der gewaltsamen Öffnung der Straße von Hormus zu unterstützen.

Bislang haben die meisten US-Bürgerinnen und -Bürger ihr Land nicht als imperiale Nation betrachtet. Angesichts von Trumps offenem Imperialismus lässt sich dieses Augenverschließen, diese Heuchelei, heute aber kaum noch durchhalten. Liberale mögen sich noch immer mit dem Glauben trösten, dass nach Trump ein netteres Amerika folgen wird, dass wieder als wohlwollende globale Hegemonialmacht auftritt. 

Leider waren die USA in der Vergangenheit nie eine solche Macht, und es ist unwahrscheinlich, dass sie es in Zukunft werden.


Übersetzung von Tim Steins.

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