Bin ich zu wenig belastbar für die Arbeitswelt?
Hey Şeyda,
ich habe vor zwei Monaten meinen Job (im näheren Umfeld des Sozialbereichs) gekündigt, der mich jahrelang ausgelaugt hat. Das Studium dafür war sehr einschlägig, verwandte Bereiche setzen oft Zusatzausbildungen voraus, sind schlecht bezahlt oder liegen einfach außerhalb meiner Fähigkeiten.
In meinem alten Beruf waren es unter anderem die Rahmenbedingungen, mit denen ich schlecht zurechtgekommen bin: ganz klar vorgegebene Arbeitszeiten über ein gesamtes Jahr, häufiges Einspringen für Kolleginnen, weites Pendeln, Wertvorstellungen in den verschiedenen Teams, die weit weg von meinen waren. Darüber hinaus die schwierige Zielgruppe, für die ich zuständig war.
Mein Dilemma ist, dass ich mich häufig frage, ob ich vielleicht einfach zu wenig belastbar bin für die durchschnittliche Arbeitswelt? Objektiv war das Stundenausmaß überschaubar, ich konnte gut von meinem Gehalt leben und habe meine Arbeit auch gut gemacht. Aber wie wahrscheinlich ist es, am aktuellen Arbeitsmarkt etwas zu finden, das mir zumindest teilweise Erfüllung bringt, während ich aber gleichzeitig meine Miete davon bezahlen kann?
Liebe Grüße
Theresa (Name geändert)
Hallo Theresa,
schön, dass du mir schreibst. Eins vorweg: Belastbarkeit ist keine Eigenschaft, die man wie eine Schuhgröße messen könnte. Und schon gar nicht immer eine Tugend! Sie hängt von unserer körperlichen und mentalen Verfassung ab, von Ressourcen und dem Beziehungsnetz, das uns auffängt, wenn wir fallen. Manchmal auch einfach von der Frage, was wir uns zumuten wollen. Und gelegentlich vom Talent zur Selbstgeißelung (meins ist übrigens beachtlich). Hinzu kommt, dass die Dauerkrisen unserer Gegenwart, die ständigen Hiobsbotschaften und Zukunftssorgen tagtäglich an unserer Haut reiben wie Schleifpapier. Wem kann man es da verübeln, immer dünnhäutiger zu werden? Und immer schneller an die Grenzen der eigenen Kräfte zu stoßen? Ob du belastbar genug bist, kann und will ich daher gar nicht beurteilen. Lass uns dein Unbehagen dennoch gemeinsam unter die Lupe nehmen.
»Im Arbeitsleben sollen wir inzwischen das Kunststück vollbringen, uns einerseits zu verausgaben und andererseits zu schonen. Und mit ›uns‹ meine ich vor allem die akademisch gepolsterte, konsumfreudige Mittelschicht der westlichen Metropolen.«
Gerade von Menschen, die im Sozialbereich tätig sind, höre ich oft von totaler Desillusionierung. Sie wollen helfen, doch sichten immer mehr Brandherde, und überall schlagen neue Flammen hoch. Viele merken dann, dass sie Teil eines Systems sind, das von freien Trägern bis zum Jugendamt oftmals als verlängerter Arm der Staatsgewalt sanktioniert, aussortiert und Elend schlicht verwaltet. Dass sich da Frust anstaut, ist mehr als verständlich.
Im Arbeitsleben sollen wir außerdem inzwischen das Kunststück vollbringen, uns einerseits zu verausgaben und andererseits zu schonen. Und mit »uns« meine ich vor allem die akademisch gepolsterte, konsumfreudige Mittelschicht der westlichen Metropolen. Von der großen Mehrheit der Arbeitenden auf der Welt werden keine Kunststücke erwartet, sondern dass sie klaglos und unsichtbar für einen Hungerlohn schuften.
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Wir hingegen sollen immer mehr leisten, und zugleich ermahnen uns Therapien und Achtsamkeits-Apps, unsere Grenzen zu achten. Auf der einen Seite grüßt das Selbstverwirklichungsdiktat der Glücksindustrie, die dir verspricht, nach Açaí-Frühstück und drei Dankbarkeitsübungen glücklich zur Arbeit zu schweben. Auf der anderen Seite steht der Klassenkampf von oben, der uns täglich aus Zeitungsschlagzeilen entgegenbrüllt, junge Arbeitende seien heutzutage nicht mehr belastbar und einfach zu faul geworden (Studien zeigen übrigens das Gegenteil). Ob Zuckerbrot oder Peitsche, der Gaul läuft in beiden Fällen für denselben Hafer, und der Stall gehört immer jemand anderem.
In dieser Gemengelage schämen wir uns fast, nach einem erfüllenden Beruf zu fragen. Und genau diese Scham meine ich aus deiner Nachricht herauszulesen. Vielleicht, weil es sich so anfühlt, als würdest du verzweifelt einem Ziel hinterherrennen, das bei jedem Schritt sowieso zwei weiter wegrückt. Und weil du dir dann auch noch selbst die Schuld dafür zuschiebst, nicht schnell genug zu sein?
»Wir können uns also wohl darauf einigen, dass es den perfekten Job nicht gibt. Nicht einmal meinen, obwohl ich mitunter dafür bezahlt werde, lustige Beratungskolumnen zu schreiben.«
Dabei könnte und sollte alles anders sein. Für Karl Marx etwa ist nicht-entfremdete Arbeit, nach der du dich vielleicht auch sehnst, ein Verhältnis, das wir zur Welt eingehen: frei, bewusst und schöpferisch. Wir verwirklichen uns, indem wir mit anderen Menschen entscheiden, was gebraucht wird, und es gemeinsam gestalten. Darin erkennen wir unsere Fähigkeiten und bringen sie zum Ausdruck. Gemeint sind dabei nicht nur Handwerk und Produktionsarbeit, wie feministische Marxistinnen später zu Recht ergänzten, sondern auch Sorge- und Beziehungsarbeit. Also alles, was wir gemeinsam planen, bewahren und erschaffen, sei es ein Haus, ein Essen, ein Kind, eine funktionierende Nachbarschaft. Klingt traumhaft, oder? Nur gehört im Kapitalismus weder das, was wir herstellen, noch die Art, wie wir arbeiten, uns selbst, und so wird aus schöpferischer Tätigkeit eine Ware, die wir stundenweise vermieten. Und das müssen wir je nach Herkunft und Geschlecht zu sehr unterschiedlichen Preisen.
Wir können uns also wohl darauf einigen, dass es den perfekten Job nicht gibt. Nicht einmal meinen, obwohl ich mitunter dafür bezahlt werde, lustige Beratungskolumnen zu schreiben. Ein Job, der zumindest halbwegs erfüllt und trotzdem die Miete zahlt, ist unwahrscheinlich, aber auch keine Utopie. Manchmal hat man Glück, öfter muss man ihn sich erstreiten. Die Frage lautet also eher, welche Kompromisse du bereit bist einzugehen, und wie viel Kraft du noch hast, dir gleichzeitig bessere Bedingungen zu schaffen. Was dich zermürbt hat, hast du ja längst benannt: starre Arbeitszeiten, dauerndes Einspringen, weites Pendeln, Teams mit fremden Wertvorstellungen. Für dich sehe ich da zwei Wege.
Option 1: Werde ein Quiet Quitter!
Such dir einen passablen Job mit flexiblen Arbeitszeiten und scheiß auf die Identifikation mit deinem Beruf. Vielleicht bist du gar nicht der Mensch, der bei der Lohnarbeit Erfüllung findet. Offenbar liegt dir das Soziale, also das Kümmern und Aufbauen. Das sind Dinge, die in der Arbeitswelt sowieso bestenfalls zweitrangig sind. Vielleicht willst du jene schöpferische Tätigkeit ohnehin lieber außerhalb des Jobs leisten, in einer politischen Organisation, einem Kollektiv, einer Nachbarschaftsinitiative. Dann sei aber konsequent, zieh eine klare Linie und schließ deinen Frieden damit. Die Lohnarbeit zahlt die Miete, du gibst dort das Mindeste ohne Selbstverwirklichungsambitionen, machst so häufig wie möglich Homeoffice. Du schläfst heimlich aus und sparst deine Energie für Wichtigeres. Lass dich außerdem regelmäßig und ausgiebig krankschreiben, dem deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz gefällt das ganz besonders. Such deinen Sinn im Leben dort, wo er dich nicht ausbeutet.
Option 2: Kämpfe!
Unser Verhältnis zur Erwerbsarbeit erinnert mich manchmal an romantische Heilsversprechen. Entweder fällt uns die Verheißung vollkommen und mühelos in den Schoß, oder wir klopfen gleich an der nächsten Beziehungstür. Zwischen Verklärung und Kapitulation geht eine Macht verloren, die Arbeitende (und Liebende) jahrhundertelang vor uns gepflegt haben: das Fordern und Kämpfen.
Als Arbeiterin bist du die Person, ohne die der Laden nicht läuft. Ich weiß, dass das auf einem angespannten Arbeitsmarkt, auf dem man jederzeit ersetzbar scheint, abwegig klingt. Aber kaum ein Unternehmen hat Lust auf große Fluktuation, selbst wenn viele Bewerbende Schlange stehen. Du hast Macht an deinem Arbeitsplatz, aber meist nur im Plural. Such dir einen Arbeitsplatz mit Betriebsrat, Tarifvertrag oder aktiver Gewerkschaft, damit du nicht allein anfängst. Du und deine Kolleginnen seid füreinander die einzige Abteilung, die sich für eure Erfüllung zuständig fühlt. Und gemeinsam seid ihr ein Problem für deinen Chef! Selbst wenn ein groß angelegter Streik gerade nicht drin ist, bleibt einiges, was immer geht, und zwar verhandeln, streiten, schmollen, erpressen (galant und möglichst ohne Aktenzeichen), verweigern. Diesmal nicht heimlich wie beim Quiet Quitting, sondern so, dass es dein Chef merkt. Sorg dafür, dass er nachts manchmal an dich denkt. Natürlich, weil er Angst vor dir hat. Das ist die verlässlichste Grundlage für ein halbwegs erfülltes Arbeitsleben und die ehrlichste Beziehung, die ihr beide zueinander haben könnt.
Und wenn du beides ausprobierst und feststellst, dass du mit dem Kämpfen und dem stillen Rückzug gleichermaßen am Ende bist, sagt auch das nichts über deine (Un)Belastbarkeit aus. Sondern über die Unzumutbarkeit der Verhältnisse. Und die beste Reaktion darauf ist, sich davon radikalisieren zu lassen.
Alles Liebe,
Şeyda
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Guter Text zum Berufseinstieg 😁
Mal sehen was mir so taugen wird.